Wasserstoffhochlauf jetzt konsequent forcieren und umsetzen!
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Wasserstoffhochlauf jetzt konsequent forcieren und umsetzen!

Positionspapier zum Wasserstoffhochlauf

2023: Mit lokaler Wertschöpfung Erneuerbaren Energien und Sektorenkopplung Ausbauen

Wasserstoff ist neben der Direktelektrifizierung der zentrale Baustein für ein klimaneutrales Energiesystem und unverzichtbar für die Defossilisierung von Industrie und Mobilität (Schwerlast-, Schiffs- und Flugverkehr). Insbesondere für die Wasserstoff-IPCEI-Projekte (Important Projects of Common European Interest) haben die norddeutschen Bundesländer gemeinsam mit dem Bund 3,63 Mrd. € an Fördergeldern zur Verfügung gestellt. Die Baufortschritte bei diesen Projekten, sowohl bei den Elektrolyseuren als auch bei den Netzen, sind enorm. Erste Großprojekte werden bereits dieses Jahr in Betrieb genommen. Mit dem Aufbau der Elektrolyse-Kapazitäten und des H2-Kernnetzes wurden wichtige Signale an die Industrie- und die Mobilitätskunden gesendet: Die Infrastruktur in Deutschland wird rechtzeitig zur Verfügung stehen.

Dennoch bleibt die Entwicklung der gesamten Wertschöpfungskette bislang hinter den Erwartungen zurück. Nur wenige potenzielle Abnehmer treffen aktuell eine Investitionsentscheidung, der weitere Ausbau der Elektrolysekapazität abseits der Großprojekte stockt und auch für die Netzprojekte der Verteilnetzbetreiber, die an das Kernnetz anschließen und damit zur zusätzlichen Auslastung der Infrastruktur beitragen, fehlen die dringend benötigten Rahmenbedingungen zur Finanzierbarkeit der Projekte.

Ein klarer Dekarbonisierungs- und Investitionspfad der Industrie in Deutschland ist aber erforderlich – zur Erreichung der Klimaziele, und für den Erhalt der Arbeitsplätze und der Technologieführerschaft in Deutschland. Dafür braucht es eine klare politische Richtung. Folgende politische Maßnahmen sind jetzt erforderlich, damit der begonnene Wasserstoffhochlauf eine Erfolgsgeschichte wird.

Anpassung der RFNBO-Kriterien, um die Gestehungskosten für grünen Wasserstoff zu senken

Die Kosten des aus Elektrolyse hergestellten Wasserstoffs sind massiv durch regulatorische Vorgaben sowie Steuern und Abgaben geprägt. Deshalb ist eine Überprüfung und Anpassung der bestehenden RFNBO-Kriterien (Renewable Fuels of Non-Biological Origin) wie von der EU-Kommission für Juni 2026 angekündigt dringend kurzfristig erforderlich. Es sind mindestens die Übergangsfristen bis 2035 zu verlängern, damit Erzeuger mehr Planungssicherheit erlangen und Investitionen nicht gefährdet werden. Dies könnte die Gestehungskosten für grünen Wasserstoff um 3-4 €/ kg senken. Um darüber hinaus die Entwicklung weiterer Projekte zu ermöglichen, ist eine praxistaugliche Ausgestaltung der künftigen Netzentgeltregulierung und eine zeitnahe Verlängerung der Strompreiskompensation notwendig.

Stabile Nachfrage erreichen

Um die Nachfrage nach grünem Wasserstoff langfristig zu sichern, muss es neben der Reduzierung der Gestehungskosten in einer Übergangsphase auch finanzielle Anreize auf Abnehmerseite geben. Am Beispiel der RFNBO-Unterquote im Gesetz zur Weiterentwicklung der THG-Minderungsquote wird deutlich, wie verpflichtende Hochlaufpfade in Kombination mit Penalisierungen Nachfrage generieren können. Ergänzend lässt sich durch den gezielten Aufbau grüner Leitmärkte eine erhöhte Zahlungsbereitschaft erreichen, etwa in der Stahl- oder Chemieindustrie. Verbindliche Quoten für CO2-neutral hergestellte Produkte, beispielsweise in der öffentlichen Beschaffung, gewährleisten einen verlässlichen Absatz für klimafreundliche Alternativen und somit auch für grünen Wasserstoff. Ergänzend müssen CO2-Differenzverträge (Klimaschutzverträge) so angepasst werden, dass die Nutzung von grünem Wasserstoff ein eigenes Fördersegment erhält, um eine technologiespezifische Unterstützung zu ermöglichen. Um die Gelder optimal einzusetzen, sollte sowohl auf Angebots- als auch auf Nachfrageseite die jeweils ökonomischste Option bevorzugt werden.

Resilienz als Wettbewerbsvorteil verstehen

Die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen ist für die deutsche Wirtschaft ein erhebliches Risiko. Dies zeigt sich in den multiplen Krisen (Corona, Ukraine-Krieg, Iran-Krieg) der letzten Jahre sehr deutlich durch ein erhöhtes Preis- und Ausfallrisiko. Grüner Wasserstoff aus erneuerbaren Quellen stellt lokal erzeugte Energie für Industrieproduktionen und die Herstellung alternativer Kraftstoffe zur Verfügung und unterstützt dabei, den Industrie- und Innovationsstandort Deutschland zukunftsfähig aufzustellen. In diesem Zusammenhang begrüßen wir die aktuellen Entwicklungen auf EU-Ebene, unter „AccelerateEU“ die Resilienz des europäischen Energiesystems zu stärken. Vergleichbare und ergänzende Initiativen auf Bundesebene wären aus unserer Sicht wichtige und notwendige Schritte zur weiteren Stärkung der Energie-Resilienz in Deutschland.

Aufbau einer leistungsfähigen H₂-Speicherinfrastruktur

Während mit dem Kernnetz bereits ein tragfähiger Rahmen für die Transportinfrastruktur geschaffen wird, fehlt ein vergleichbares Instrument für den Speicherbereich bislang. Dabei sind Wasserstoffspeicher unverzichtbar, um die fluktuierende Erzeugung aus erneuerbaren Energien auszugleichen, Versorgungssicherheit zu gewährleisten und insbesondere saisonale Flexibilität bereitzustellen. Angesichts hoher Investitionskosten und langer Projektlaufzeiten braucht es daher zeitnah einen verlässlichen regulatorischen und wirtschaftlichen Rahmen, der Investitionsrisiken adressiert und den rechtzeitigen Aufbau der notwendigen Speicherkapazitäten ermöglicht. Deutschland und insbesondere Norddeutschland verfügt mit den geologischen Potenzialen und bestehenden Infrastrukturen über optimale Voraussetzungen für die Untergrundspeicherung von Wasserstoff und kann sich so zu einem zentralen Speicherstandort für das europäische H₂-System entwickeln. Nur so kann die H₂-Infrastruktur insgesamt effizient und resilient entwickelt werden.

Der Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft scheitert weder an der Technologie noch an fehlendem Willen oder Baufortschritten, sondern an den derzeitigen ökonomischen und regulatorischen Rahmenbedingungen sowie fehlender Planungssicherheit. Der Markthochlauf der Wasserstoffwirtschaft benötigt langfristige Investitionssicherheit – insbesondere auch durch das gut funktionierende CO2-Zertifikatehandelssystem sowie die vereinbarte Klimaneutralität in Deutschland und Europa. Eine entschlossene Kurskorrektur – mit klaren, investitionsfreundlichen und marktwirksamen Maßnahmen – ist jetzt entscheidend. Nur so können weitere finale Investitionsentscheidungen getroffen werden und der Markthochlauf voranschreiten. Dies sorgt für ein nachhaltiges und resilientes Gesamtenergiesystem – mit grünem Strom und Wasserstoff.

Die Organisatoren der Norddeutschen Wasserstoffkonferenz: BIS Wirtschaftsförderung Bremerhaven, Erneuerbare Energien Schleswig-Holstein, Förderverein des Clusters Erneuerbare Energien Hamburg e.V., Klimaschutz- und Energieagentur Niedersachsen GmbH / Niedersächsisches Wasserstoffnetzwerk, WindEnergy Network e.V.

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