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Vorteile der Sektorenkopplung Plädoyer für faire Wettbewerbsbedingungen

Vorteile der Sektorenkopplung
© Norddeutsches Reallabor

Die Hoffnungen der Energiewirtschaft für eine erfolgreiche Fortführung der Energiewende hängen an der Weitsicht der neuen Bundesregierung. Unabhängig von den Ergebnissen der Koalitionsverhandlungen wird sie sich der größten klimapolitischen Baustellen annehmen müssen. Eine davon ist der Ausbau der Sektorenkopplung. Denn aktuell wird der Einsatz von innovativen Technologien zur Sektorenkopplung durch eine Vielzahl an technischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Barrieren gehemmt. Die Frage, an welchen Stellschrauben gedreht werden muss, ist bereits von Think-Tanks, Forschungseinrichtungen und Fachverbänden analysiert worden.

Was ist Sektorenkopplung und warum dient sie dem Klimaschutz?

Klimaneutralität setzt die vollständige und effektive Dekarbonisierung der Sektoren Strom, Wärme, Verkehr und Industrie voraus. Während im Stromsektor fossile Energieträger bereits in großem Umfang durch erneuerbare Energien substituiert werden, setzen die anderen Bedarfssektoren nach wie vor auf Gas, Kohle und Erdöl. Somit tragen Letztere kaum dazu bei, Treibhausgase einzusparen. Sektorenkopplungstechnologien können hierbei Abhilfe schaffen. Sie wandeln nämlich grünen Strom in andere Energieformen um – in Wärmeenergie, Bewegungsenergie und chemische Energie. Zur Dekarbonisierung des Wärmesektors gilt die Wärmepumpe als vielversprechendste Sektorenkopplungstechnologie. Sie nutzt Umweltwärme in Kombination mit erneuerbarem Strom zur Erzeugung von CO2-freier Wärme. Im Verkehrssektor ist es vor allem der E-PKW, welcher mithilfe einer Lithium-Ionen-Batterie mit kohlenstofffreier elektrischer Energie betankt werden kann. Die energieintensive Industrie wiederum könnte ihren Carbon-Footprint über den Einsatz von grünem Wasserstoff, der mit Hilfe elektrischer Energie durch Elektrolyse hergestellt wird, deutlich schmälern.

Die Sektorenkopplung schafft auch die dringend benötigten Flexibilitäten im Stromsektor. Statt etwa Windanlagen wegen Netzengpässen herunterzuregeln, wird der überschüssige Windstrom genutzt, um synthetische Kraftstoffe herzustellen, die in der Industrie oder im Verkehr verwendet werden können. Er kann aber auch als Wärme oder in elektrischen Batterien zwischengespeichert und zu einem späteren Zeitpunkt wieder verstromt werden.

Die Sektorenkopplung schlägt also gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe: Sie fördert den sektorenvariablen Einsatz erneuerbarer Energien und erhöht damit das Kohlendioxid-Einsparpotenzial aller Sektoren. Gleichzeitig trägt sie zu einer maximalen zeitlichen wie räumlichen Ausnutzung vorhandener Erneuerbare-Energien-Erzeugungskapazitäten bei. Zusätzlich dient Sektorenkopplung der Entkopplung von Energieangebot und -nachfrage, was vor dem Hintergrund ansteigender Fluktuationen im Stromsektor ein essenzieller Baustein für Systemstabilität und Versorgungssicherheit darstellt.  

Janina Grimm-Huber

Fehlende Wettbewerbsfähigkeit aufgrund zu hoher Strompreise

Angesichts der vielen Vorteile gilt es, den Ausbau von Sektorenkopplungstechnologien in Zukunft zu stärken. Noch können sie bisher im Wettbewerb mit etablierten Technologien, die mit fossilen Energien betrieben werden, nicht mithalten. Grund dafür ist der hohe Strompreis, genauer der hohe Anteil an Abgaben, Umlagen und Steuern, die auf elektrischen Strom entfallen. Sie werden in Fachkreisen auch als staatlich induzierte Energiepreisbestandteile bezeichnet und setzen sich aus der EEG-Umlage, Strom- und Umsatzsteuer sowie Netzentgelten und Nebennetzentgelten zusammen. Insgesamt machen sie rund 75 Prozent der Stromrechnung eines Privathaushaltes aus und sind damit im Vergleich zu kohlenstoffreichen Alternativen überproportional hoch belastet. So stellt das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) in einer im Juli 2020 erschienen Studie zu Finanzierungsmechanismen für erneuerbare Energien fest, dass die Belastung pro Energieeinheit bei Strom mit 18,41 €c/kWh am höchsten ist, gefolgt von Benzin (7,25 €c/kWh) und Diesel (4,73 €c/kWh). Gas (2,14 €c/kWh), Heizöl (0,62 €c/kWh) und Kohle (0,12 €c/kWh) seien dagegen deutlich im Vorteil. Zu beachten ist hierbei, dass im bestehenden Rechtssystem auch Ausnahmeregelungen für gewisse Sektoren und Branchen, insbesondere für industrielle Großverbraucher, vorgesehen sind, sodass einzelne Strompreiskomponenten entfallen oder die Zahlungshöhe reduziert wird.

Schlussendlich bedeuten diese Lücken in der Marktparität einen erheblichen wirtschaftlichen Nachteil für die Elektrifizierung der Sektoren Wärme und Verkehr. Gleiches gilt auch mit Blick auf das Potenzial zur Schaffung von Flexibilitäten. Agora Energiewende stellte in einem Impulspapier am Fallbeispiel von Elektromobilität, Wärmepumpen, Wasserstoffelektrolyseure dar, wie die heutige Netzentgeltstruktur sektorübergreifend Investitionen in neue strombasierte Prozesse konterkariert und keinen Anreiz für das Angebot von Flexibilitäten bietet.

Neben diesen beiden marktlichen bzw. regulatorischen Großbaustellen stellt eine Studie im Auftrag des Bundesverbands Erneuerbare Energien e.V. (BEE) eine Reihe weiterer Hemmnisse vor, wobei auch hier das Problem der überproportional hohen Strompreisbestandteile als Casus Knacksus charakterisiert wird.

Politische Handlungsempfehlungen

Angesichts der angesprochenen Herausforderungen fordern Experten, ein Level-Playing-Field, also faire Wettbewerbsbedingungen für Sektorenkopplungstechnologien zu schaffen.

Wie das gelingen kann? Erste Maßnahmenvorschläge werden in Fachkreisen bereits diskutiert und sollten von den zukünftigen Regierungsverantwortlichen weiter auf ihre Wirkungen und spezifische Ausgestaltung geprüft werden:

  1. Die Verlagerung oder Absenkung der staatlich induzierten Energiepreisbestandteile (v. a. EEG-Umlage und Stromsteuer), die zu verringerten Strom- und erhöhten Gas-, Benzin- oder Dieselpreisen führt.
  2. Erhöhung des CO2-Preispfades, um die entgangenen Einnahmen der EEG-Umlagenabsenkung zu refinanzieren.
  3. Gewährleistung der Sozialverträglichkeit durch Stromkostensenkung oder weitere unterstützende Maßnahmen für besonders betroffene Konsumenten, wie z. B. Pendler oder Geringverdienende.
  4. Netzentgelte flexibilisieren: Eine Neugestaltung der Netzentgelte erlaubt eine Verbesserung der Anreizwirkung zur Flexibilisierung des Energieverbrauchs. Dies kommt flexiblen Sektorenkopplungstechnologien zugute.
  5. Technologiespezifischer Förderansatz: einige Technologien benötigen weniger Förderung, andere mehr. Sinnvoll erscheint daher eine individuelle zeitlich variable Förderung je nach Sektor und Technologie.
  6. Weiterentwicklung des EEG, um die alternative Nutzung von Strom-Überangeboten und Speichertechnologien zu fördern.
  7. Doppelbelastung von Letztverbrauchsabgaben für Speicher abschaffen.

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Die aufgelisteten Maßnahmenvorschläge stammen aus folgenden Studien und Fachartikeln:

Über Janina Grimm

Profilbild zu: Janina Grimm

Seit März 2020 leite ich das B2B-Marketing von NEW 4.0 im Cluster EEHH. Ob auf dieser Webseite, bei Twitter, via LinkedIn, auf Fachveranstaltungen und Messen - jeden Tag kann ich über das reden und schreiben, was mich am meisten interessiert: Die Entwicklung innovativer Lösungen für eine ganzheitliche und nachhaltige Transformation unseres Energiesystems. Parallel studiere ich meinen Master in Energy Policy. Diese Kombination aus Praxis und Theorie birgt viele tolle Chancen, meine Kenntnisse im Bereich der Erneuerbaren-Energien-Branche und nachhaltiger Energiepolitik zu vertiefen.

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