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UP Nord im Interview Jeremy Rifkin

UP Nord im Interview Jeremy Rifkin
Jeremy Rifkin (UP Nord)

Top-Ökonom Jeremy Rifkin glaubt, dass Manager mit Traditionen brechen müssen, um künftig erfolgreich zu sein. Warnendes Beispiel sei die Musikindustrie, sagt der Amerikaner im Interview mit Unternehmer Positionen Nord.

Sie sagen eine dritte industrielle Revolution voraus – was meinen Sie damit?

Jeremy Rifkin: Wir erleben in den Bereichen Kommunikation, erneuerbare Energien, Mobilität und Logistik extrem große Fortschritte, die unser Wirtschaftsleben stark verändern. Das Internet wächst mit der Energieversorgung und der Mobilität zusammen. Dazu kommt das Internet der Dinge, das die Menschen immer mehr unterstützt. Wir werden LKWs und Lagerhallen haben, die miteinander kommunizieren. Die  Betriebe werden ihre Produktivität und Effizienz steigern. Gleichzeitig sinken die Kosten für erneuerbare Energien exponentiell. Die Sonne wird keine Rechnung stellen, der Wind auch nicht.

Wird sich in der neuen industriellen Welt das Verhalten der Konsumenten ändern? 

Jeremy Rifkin: Die Menschen werden mehr Dinge teilen. Musik, Videos, News-Blogs, Bücher – viele stellen das jetzt schon kostenlos im Internet zur Verfügung. Es entsteht eine „sharing economy“. Die digitale Revolution wird viele Unternehmen zwingen, ihr Business-Modell zu ändern.

Erleben wir mit der dritten industriellen Revolution das Ende des Kapitalismus?

Jeremy Rifkin: Der Kapitalismus wird nicht verschwinden, aber er wird sich verändern. Bei der ersten industriellen Revolution haben Dampfmaschinen, Eisenbahnen und Telegraphen die Wirtschaft umgewälzt, große Aktiengesellschaften sind entstanden. Die zweite industrielle Revolution wurde um das Auto herum aufgebaut und von billigem Öl unterstützt. Bei der dritten industriellen Revolution sehen wir Tausende kleiner Start-ups, die Apps bauen und Big Data nutzen – aber keinen hohen Kapitaleinsatz erfordern.  

Kosten für Kommunikation und Energie mögen sinken, aber das gilt nicht für Nahrung, Wohnen oder Mobilität.

Jeremy Rifkin: Für Nahrung stimmt das, bei Mobilität sieht es  anders aus. Die junge Generation fährt nicht mehr mit dem eigenen Auto – das machen Oma und Opa. Die jungen Leute wollen Zugang zu Car-Sharing-Systemen, kein Eigentum von Autos. Die buchen ein Auto im Internet und nutzen es bei Bedarf. In den nächsten drei Generationen werden wir uns vom Besitz eines Autos hin zum Zugang zu einem Auto entwickeln.

Was heißt das für die Autohersteller?
Jeremy Rifkin:
In 40 Jahren wird es viel weniger Autos geben als heute, diese werden aber effizienter genutzt. Sie werden von E-Motoren oder Brennstoffzellen angetrieben – die Energie wird nicht viel kosten. Vielleicht werden die Autos von 3D-Druckern produziert, ziemlich sicher sind sie fahrerlos unterwegs.

Das klingt nicht gut für die Autoindustrie.
Jeremy Rifkin: Das wird nicht das Ende der Autoindustrie, aber sie braucht neue Geschäftsmodelle. Sie muss den Wechsel schaffen – vom Autoverkauf hin zum Vermieten und Betreuen der Autos. Der Wandel bei der Mobilität fordert einen disruptiven Wechsel des Geschäftsmodells.   

Komplette Vernetzung, intelligente Maschinen – haben die Menschen noch Arbeit in der neuen Welt?
Jeremy Rifkin: Wir haben noch zwei Generationen klassische Lohnarbeit, um die Infrastruktur für die neue Smart World zu schaffen.

Und was passiert danach?
Jeremy Rifkin: Wenn die Infrastruktur verlegt ist, läuft vieles automatisch mit wenigen Arbeitskräften. Aber die Arbeit geht uns nicht aus. Wir werden im sozialen und im Non-Profit-Bereich viele Stellen schaffen. Menschen wollen ihren Beitrag zur Gesellschaft leisten. Es gibt keinen Grund, langweilige Arbeiten an Maschinen zu erledigen, wenn man kreative Dinge tun kann.

In den vergangenen Jahren sahen wir in einigen Ländern nationalistische Tendenzen. Überfordert die digitale Revolution die Menschen?
Jeremy Rifkin: Ich denke, wir erleben eine kritische Phase, weil die dritte industrielle Revolution extrem disruptiv wirkt. Die Älteren finden sich von den Veränderungen unter Druck gesetzt, weil sie nicht die entsprechende Ausbildung haben. Auf der anderen Seite suchen die Tech-Firmen händeringend nach Personal.

Haben die Leute Angst vor dem Wandel? 
Jeremy Rifkin: Manche haben Angst, weil sie Umbrüche erlebt haben, bei denen wenige auf Kosten von vielen profitiert haben. Die Einkommensunterschiede waren in der zweiten industriellen Revolution enorm. Aber diese Phase neigt sich nun dem Ende zu.

Für die dritte industrielle Revolution brauchen wir erneuerbare Energien. Der amerikanische Präsident Donald Trump hat zuletzt aber die Kohleindustrie gestärkt. Was bedeutet das?
Jeremy Rifkin: Donald Trump versteht nicht, dass Kohle nicht mehr zurückkommt – egal, was er sagt. Zudem: Viele seiner Wähler, beispielsweise Farmer, produzieren längst Wind- und Solarenergie.

Sind die Unternehmen für die dritte industrielle Revolution vorbereitet?
Jeremy Rifkin: In vielen Vorstandsbüros herrscht große Unruhe. Manche wollen von den Veränderungen nichts hören, es ist ihnen zu überwältigend. Manche sind gelähmt, weil sie nicht wissen, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Andere sind ganz aufgeregt, weil sie sehen, dass es große Chance gibt.

Haben Unternehmen, die sich nicht verändern, eine Chance, im Wettbewerb zu bestehen?
Jeremy Rifkin: Nein, schauen Sie sich an, was mit der Musikindustrie nach Napster passiert ist? Alles ist anders. Einige traditionelle Unternehmen werden den Wandel schaffen, andere nicht. Wir werden aber auch viele neue Unternehmen kommen sehen.

Müssen die Unternehmen ihre Kultur verändern, um diesen Wandel bewältigen zu können?
Jeremy Rifkin: Die Unternehmen müssen ihre Struktur verändern, sie müssen offen und transparent sein, sie müssen mit anderen kooperieren, sie müssen Daten teilen. Dieser Wandel ist eine schwierige Aufgabe – er wird gelingen müssen.

 

  

Über die Autorin

Profilbild zu: Astrid Dose

Reden, schreiben und organisieren – und das mit viel Spaß! So sehen meine Tage beim EEHH-Cluster aus. Seit 2011 verantworte ich die Öffentlichkeitsarbeit und das Marketing des Hamburger Branchennetzwerkes.

Von Haus aus bin ich Historikerin und Anglistin, mit einem großen Faible für technische Themen.

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