Details

"Mich begeistert die Vielfalt der Projekte – NRL deckt gesamte Energie-Werschöpfungskette ab“ Interview mit Prof. Dr. Werner Beba, HAW Hamburg

EEHH: Nachdem das Projekt „NEW 4.0“ erfolgreich abgeschlossen wurde, setzen Sie nun ein noch größeres Folgeprojekt ­– das „Norddeutsche Reallabor (NRL)“ – um. Welche Beweggründe motivierten Sie zu diesem komplexen Folgeprojekt?

Prof. Beba: „Mit NEW 4.0 hat Norddeutschland gezeigt, dass eine stabile Stromversorgung, die zu einhundert Prozent auf erneuerbaren Energien basiert, möglich ist und die notwendigen Technologien sich erfolgreich am Markt etabliert haben. Damit ist die Energiewende aber noch nicht zu Ende: Wichtig ist es, auch den Wärme- und den Mobilitätssektor auf erneuerbare Energien umzustellen – und die Transformation der Industrie hin zu einem klimaneutralen Wirtschaften zu beschleunigen. Genau da setzt das Norddeutsche Reallabor (NRL) an: Als Energiewende-Allianz arbeiten 50 Partner aus Wirtschaft und Industrie eng zusammen, um relevante Verbrauchsbereiche mit hohem Energieverbrauch zu erschließen und schrittweise zu defossilisieren. Dazu wird in dem Vorhaben eine Vielzahl von innovativen Sektorenkopplungsanlagen realisiert. Mich motiviert besonders das enge Zusammenspiel der Akteure, die der gemeinsame Wille antreibt, wirtschaftliche Prosperität mit wirksamem Klimaschutz zu verbinden.“

EEHH: Welche Ziele streben Sie bis zum Projektende an? Was möchte das NRL beweisen?

Prof. Beba: „Mit dem Norddeutschen Reallabor soll die ganzheitliche Transformation des Energiesystems erprobt und so der Weg zu einer schnellen Dekarbonisierung aller Verbrauchssektoren demonstriert werden. Ziel ist es, den zügigen Markthochlauf von innovativen Sektorkopplungstechnologien – insbesondere auf Basis von grünem Wasserstoff, aber auch im Wärmebereich – voranzutreiben, hierfür das wachsende industriepolitische Potential im Norden Deutschlands zu nutzen und entsprechende Wertschöpfungsketten zu etablieren. Das Projekt will damit den Transformationspfad für ein integriertes Energiesystem erproben, mit dem es gelingt, die CO2-Emissionen im Norden bis 2035 über alle Sektoren hinweg um 75 Prozent zu reduzieren. Mit den im Projektzeitraum geplanten Vorhaben können bereits im Projektzeitraum zwischen 350.000–500.000 t CO2-Emissionen pro Jahr eingespart werden.

Das Großprojekt hat übrigens eine Laufzeit von fünf Jahren (April 2021 bis März2026). Das Investitionsvolumen der beteiligten Partner beträgt 300 Millionen Euro. Das NRL ist Teil der Förderinitiative ‚Reallabore der Energiewende‘ und wird mit rund 52 Millionen Euro durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) gefördert; weitere Fördermittel werden durch das BMDV bereitgestellt.“  

EEHH: Was ist das Besondere an diesem Großprojekt?

Prof. Beba: „Ich sehe zwei entscheidende Unterschiede zu anderen Projekten: Bei den im NRL entwickelten Technologien handelt es sich nicht um für sich stehende Einzellösungen, sondern sie fügen sich in ein Gesamtkonzept ein, das die Sektorenkopplung für ein zukunftsfähiges Energiesystem erprobt. Dabei geht es um Technologien, die in größerem industriellen Maßstab ganz ‚real‘ erprobt werden, wie unser Projektname nahelegt. Ein Alleinstellungsmerkmal des ‚Norddeutschen Reallabors‘ ist die Betrachtung von Schnittstellen und Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Projektaktivitäten der NRL-Partner. Fünf Querschnitts-Themen sichern den systemischen Gesamtansatz des Vorhabens: ‚Netze & Infrastrukturen‘, ‚Neue Markt- & Geschäftsmodelle, Regulatorik‘, ‚Gesamtsystemintegration‘, ‚Industrielle Transformation, gesellschaftliche Teilhabe & Transfer‘ und ‚Volkswirtschaft, Arbeitsmarkt & Qualifizierung‘.

Durch diese Querschnittsthemen werden bei der Erprobung neuer Technologien viele Schnittstellen und Wechselwirkungen berücksichtigt, also auch die infrastrukturellen, regulatorischen, gesamtwirtschaftlichen und gesellschaftlichen Faktoren der Sektorenkopplung. Nur so ist ein ganzheitliches Bild des Transformationspfads möglich, den wir beschreiten wollen. Zugleich sind unsere Einzelvorhaben aber auch sehr konkret und werden in einem sehr kurzen Zeithorizont umgesetzt. Das NRL wird damit zum „Eisbrecher“ und Vorreiter für den Aufbau einer norddeutschen Wasserstoffwirtschaft und die Dekarbonisierung des Mobilitäts- & Wärmesektors.“

EEHH: Das NRL vereint 50 Projektpartner, die an 25 unterschiedlichen Teilprojekten arbeiten. Wie gelingt Ihnen die Steuerung dieser unterschiedlichen Akteure und Vorhaben?

Prof. Beba: „Die Kraft des Netzwerks und das gemeinsame Verständnis sind entscheidende Erfolgsfaktoren. Und eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Komplexe Projekte brauchen aber auch klare Strukturen. Die NRL-Partner sind deshalb in neun Arbeitsgruppen (AGs) organisiert: ‚Netze/Infrastrukturen‘, ‚Wasserstofferzeugung‘, ‚Industrie‘, ‚Mobilität‘ oder ‘Industrielle Transformation‘ zum Beispiel. Die Arbeitsgruppen verfolgen übergeordnete Ziele, die wiederum einen Beitrag zum Erreichen der Gesamtziele des NRL leisten. In den Arbeitsgruppen und zwischen ihnen werden bestmögliche Vernetzungen erreicht. Dies stellt den fachlichen Austausch und die Synergien zwischen den einzelnen Teilvorhaben sicher, also den ‚System-Mehrwert‘.

Für das zentrale Projektmanagement, die projektweite und -übergreifende Steuerung, ist der Koordinator verantwortlich, unterstützt vom Projektmanagement Office (PMO). Dies ist angesiedelt am Competence Center für Erneuerbare Energien und EnergieEffizienz (CC4E) der HAW Hamburg.  Hier wird sowohl die inhaltlich-technische Umsetzung als auch die die effiziente und zielorientierte Ausrichtung des Gesamtprojekts gesteuert, in enger Abstimmung mit den AG-Leitungen. Die sechsköpfige Projektsteuerungsgruppe überwacht die generelle Ausrichtung des Projekts und trifft alle wesentlichen strategischen Entscheidungen zum NRL. Die Partnerversammlung, an der alle Projektpartner teilnehmen, ist das oberste Gremium des NRL.“

EEHH: Haben Sie ein persönliches Lieblingsprojekt?

Prof. Beba: „Mich begeistert vor allem die Vielfalt der Projekte. Die NRL-Partner decken die gesamte Energie-Wertschöpfungskette ab – von der Erzeugung über den Transport und die Speicherung bis zum Verbrauch von Energie in der Industrie, der Wärmeversorgung und dem Mobilitätssektor. Diese Vielfalt ermöglicht eine integrierte Betrachtung des Energiesystems und dessen Erzeugungs- und Verbrauchssektoren im NRL.

In der Industrie steht die stoffliche Nutzung von Wasserstoff im Vordergrund: Er kommt in Prozessen der chemischen Industrie, in Produktionsverfahren der Grundstoffindustrie und in der Herstellung von synthetischem Methan zum Einsatz. Ferner wird Wasserstoff im Bereich Mobilität genutzt und zwar in Fahrzeugen mit Brennstoffzellen wie PKWs und LKWs, Bussen und Fahrzeugen der Stadtreinigung.

Auch bei den im NRL geplanten Quartierlösungen kommt Wasserstoff als Energieträger zum Einsatz: Seine Beimischung im Erdgasnetz senkt signifikant die CO2-Emissionen bei der Wärmeerzeugung. Ein weiterer Hebel zur Dekarbonisierung des Wärmebereichs, der im NRL erprobt wird, ist die Nutzung von industrieller Abwärme und deren thermische Speicherung in Aquiferen, natürlichen unterirdischen Speichern.“

EEHH: Das Gesamtprojekt startete im April 2021. Sind bereits erste Meilensteine erreicht worden?  

Prof. Beba: „Unsere Projektpartner arbeiten auf Hochtouren daran, ihre Vorhaben umzusetzen. Erste Erfolge können wir schon verzeichnen. Ein Beispiel: Die Aurubis AG hat beispielsweise wichtige Pionierarbeit für die Verwendung von klimaneutralem Wasserstoff in industriellem Maßstab geleistet und seine Vorversuche zur Nutzung von Wasserstoff für die Produktion einer Kupferanode erfolgreich abgeschlossen. Während bei der Nutzung von Erdgas Kohlendioxid anfällt, entsteht bei Wasserstoff lediglich Wasserdampf. Im NRL wird auf diesen Versuchen aufgebaut und ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz geleistet werden – das Einsparpotenzial allein für den Ersatz von Erdgas im Anodenofen am Aurubis-Standort in Hamburg beträgt jährlich 6.200 Tonnen CO2.

Auch ein Projekt der Stadtreinigung Hamburg, assoziierter Partner im NRL, zur erweiterten Wärmenutzung in der Müllverwertungsanlage Borsigstraße (MVB) ist bereits in vollem Gange: Mit Fertigstellung der Effizienzsteigerungsmaßnahmen Ende 2023 wird die MVB zusätzlich rund 350.000 MWh/a zusätzliche Wärme ausgekoppelt und in das Leistungsnetz von Wärme Hamburg einspeisen. Allein dadurch werden 104.000 Tonnen CO2 jedes Jahr vermieden.

Wir werden in den kommenden Monaten weitere solcher Meilensteine erreichen – es bleibt also spannend. In 2023 werden dann auch erste Zwischenergebnisse sichtbar. Dann werden wir sicherlich auch hier darüber berichten.“

Vielen Dank für das interessante Interview!

Im Interview

Prof. Dr. Werner Beba, Projektkoordinator Norddeutsches Reallabor und Leiter CC4E an der HAW Hamburg.

Über Katja Löwe

Profilbild zu: Katja Löwe

Im EEHH Team darf ich mein Know-how mit meiner Leidenschaft verbinden: Networking, Events und Social Media für mein Herzensthema die „Erneuerbaren“. Speziell die vielfältigen Anwendungen des grünen Wasserstoffs faszinieren und begleiten mich und meinen beruflichen Werdegang bereits seit 2011.

Zuletzt tätig, bei der Hamburg Messe und Congress GmbH, durfte ich die Konferenzmesse „H2Expo“ inhaltlich ausbauen und darauffolgend das Thema Wasserstoff & Sektorkopplung in die „WindEnergy Hamburg“ integrieren.

von