Details
Fernwärme: Erschließung von Abwärmequellen und Infrastrukturausbau müssen gleichzeitig gelingen Sozialwissenschaftliche Studie untersucht Stakeholder-Perspektiven zu industrieller Abwärme
Industrielle Abwärme gilt als vielversprechende Option, umFernwärmenetze zu dekarbonisieren – auch in Norddeutschland, wo zahlreiche Städte und Gemeinden aktuell ihre kommunale Wärmeplanung vorantreiben. Eine sozialwissenschaftliche Studie aus dem Energiewende-Verbundprojekt Norddeutsches Reallabor (NRL) zeigt auf, welche Faktoren über die Skalierung der Nutzung industrieller Abwärme entscheiden und wo die größten Hemmnisse liegen. Eine zentrale Herausforderung ist, dass Netzausbau und
Abwärmenutzung gleichzeitig realisiert werden müssen.
Im Norddeutschen Reallabor (NRL) erforschen 50 Partner aus Energiewirtschaft, Industrie, Wissenschaft und Politik gemeinsam, wie die Transformation zur Klimaneutralität im Norden effizient gelingen kann. Gefördert wird das Großprojekt noch bis 2027 vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE). Was das Projekt besonders auszeichnet, ist sein Rundum-Blick: Die technologischen Erprobungsprojekte werden im NRL durch eine interdisziplinäre Forschung begleitet, unter anderem zu den sozioökonomischen Fragestellungen der Transformation. Die Veranstaltungsreihe der NRL Transformation Labs brachte dazu Akteur*innen der Energiewende aus
verschiedenen Disziplinen miteinander ins Gespräch.
Auf Basis dieser Stakeholder-Diskussionen erscheint nun die Studie „Systeme auf dem Weg zur Integration – Industrielle Abwärmenutzung im Kontext der kommunalen Wärmeplanung“. Zentrales Ergebnis: Das soziotechnische System, auf dem der Markthochlauf von industrieller Abwärmenutzung basiert, ist grundsätzlich stabil und funktionsfähig. Mehrere Zukunftsszenarien zeigen einen wünschenswerten Transformationspfad auf. Allerdings bleibt das System anfällig für externe Einflüsse, die zum Beispiel durch Änderungen der regulatorischen Rahmenbedingungen eintreten können.
Unterschiedliche Planungshorizonte
Damit industrielle Abwärme in großem Stil in Fernwärmenetze eingespeist werden kann, müssen Netzbetreiber und wärmeabgebende Unternehmen langfristige Lieferverträge schließen. Das gelingt bislang nur eingeschränkt, weil beide Seiten unterschiedliche Planungshorizonte haben: Während Wärmenetzbetreiber typischerweise über mehrere Dekaden kalkulieren, bis sich die Infrastruktur amortisiert, können Industrieunternehmen oft nur in kürzeren Zyklen von wenigen Jahren planen. „Wird industrielle Abwärme als weitere Wärmequelle erschlossen, erfordert dies zum Teil auch neue Netze zu bauen und neue Kunden anzuschließen, die die Wärme abnehmen. Gleichzeitig bedeutet dies ein
Risiko, diese Kunden zukünftig nicht mehr zuverlässig beliefern zu können, sollte die industrielle Abwärme nach Laufzeitende des Liefervertrages nicht mehr zur Verfügung stehen. Infrastruktur und Wirtschaftlichkeit stehen hier in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis“, betont Studienautor Robin Jaede, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Competence Center for Energy Transition (CC4E) der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg.
Als wichtigen Hebel identifiziert die Studie zudem eine stabile Regulatorik, die verlässliche Anreize für die Einbindung industrieller Abwärme schafft und den beteiligten Akteuren Planungssicherheit gibt. Gezielte Förderung kann zusätzlich helfen, damit Netzbetreiber bei der Erweiterung des Wärmenetzes in Vorleistung gehen können. „Die Integration von industrieller Abwärme in Wärmenetze scheitert selten an der Technik – sie scheitert an instabilen Rahmenbedingungen. Ohne verlässliche Regulatorik bleibt wertvolle Wärme ungenutzt. Gerade für Norddeutschland mit seiner starken Industrie kann hier ungenutztes Potenzial für die Wärmewende vorliegen“, betont Jaede.
Da vor allem Bürger:innen als Endkund:innen mögliche höhere Wärmekosten tragen, kommt auch der gesellschaftlichen Akzeptanz eine Schlüsselrolle zu. Besonders relevant ist das in Gebieten mit vielen Mehrfamilienhäusern: Hier entscheiden meist Eigentümer:innen über den Heizungswechsel, während Mieter:innen die Kosten tragen.
Risikofaktor Gebäudemodernisierungsgesetz
Als aktuell besonders einflussreich für den weiteren Anschluss neuer Kund:innen ans Fernwärmenetz identifizieren die Autor:innen die Neufassung des Gebäudeenergiegesetzes (GEG) als Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG). Durch die erst ab 2029 sukzessive greifenden Biobrennstoffquoten für fossile Heizungen werden diese im Vergleich zum GEG wirtschaftlich attraktiver – mit möglichen Folgen für die Anschlussquoten an Fernwärmenetze und damit für deren Wirtschaftlichkeit.
Über die Studienreihe
Die Studie „Systeme auf dem Weg zur Integration: Industrielle Abwärme im Kontext der kommunalen Wärmeplanung” von Robin Jaede, Henry Krull, Matthäus Blonski, Dr. Sandra Meyer-Ghosh und Prof. Dr. Simon Güntner vom Competence Center for Energy Transition (CC4E) der HAW Hamburg ist der zweite Teil der 2025 gestarteten NRL-Studienreihe Energiesystem im Umbruch: Akteur:innen der Transformation im Dialog. Bereits erschienen ist Teil 1 „Zwischen Aufbruch und Blockade: Wasserstoff in der Industrie“. Es folgen in lockerer Reihe Studien zum Einsatz von Wasserstoff in der Straßenmobilität sowie zur gesellschaftlichen Teilhabe an der Transformation. Hintergrund ist die in 2024 durchgeführte Veranstaltungsreihe der NRL Transformation Labs, in denen regionale Akteur*innen der Energiewende gemeinsam über Treiber und Hemmnisse des Markthochlaufs von Sektorenkopplungstechnologien diskutierten.
Alle Studien werden unter www.norddeutsches-reallabor.de/presse#studien bereitgestellt.