Cluster Erneuerbare Energien Hamburg
4. "Energiesysteme im Wandel" Konferenz – Strom, Wärme, Verkehr, Industrie in Hamburg Rückblick
Wärmewende und digitalisierte Netze im Fokus der vierten Hamburger Stadtkonferenz
Am 2. Juni 2026 fand im WÄLDERHAUS am Hamburger Inselpark die vierte Auflage der Konferenz „Energiesysteme im Wandel – Strom, Wärme, Verkehr, Industrie" statt. Auf Einladung des Clusters Erneuerbare Energien Hamburg (EEHH) und moderiert von Frau Dr. Anna Meyer (Club of Rome) diskutierten rund 100 Fachleute aus Energiewirtschaft, Wissenschaft, Industrie und Politik über die Beschleunigung der Hamburger Energietransformation – und über das Spannungsfeld zwischen lokalen Ambitionen und bundespolitischen Rahmenbedingungen. Die Botschaft des Tages war eindeutig: 2026 ist für Hamburg ein Jahr der großen Schritte.
Begrüßung: Milliarden-Investitionen im laufenden Betrieb
Jan Rispens, EEHH-Geschäftsführer und Gastgeber der Veranstaltung, eröffnete die Konferenz mit einem Überblick über das eindrucksvolle Investitionsvolumen, das die Hamburger Konferenzpartner gemeinsam stemmen. Allein bis 2028 fließen fünf Milliarden Euro in die klimaneutrale Energieinfrastruktur der Hansestadt – und das bei laufendem Betrieb. Diest ist eine enorme Leistung, die Wahrnehmung und Anerkennung verdient.
Für industrielle Großverbraucher entsteht ein 60 Kilometer langes Wasserstoffrohrleitungsnetz, das sich bereits im Bau befindet. Und mit dem fast fertigen Energiepark Hafen auf der Dradenau geht in diesem Jahr eines der komplexesten Fernwärmeprojekte Deutschlands in Betrieb. Die fortschreitende Elektrifizierung der Busflotte bedeutet ebenfalls große Änderungen im Strombedarf auf den Betriebshöfen. Die Höchstlast im Stromnetz soll von derzeit rund 1,8 GW auf etwa 3,5 GW bis 2045 verdoppelt werden.
Rispens machte gleichzeitig auf zwei neue Rahmenbedingungen aufmerksam, die den laufenden Transformationsprozess unmittelbar betreffen: Den Zukunftsentscheid, mit dem die Hamburgerinnen und Hamburger das Klimaneutralitätsziel von 2045 auf 2040 vorgezogen haben, und die Gesetzentwürfe für das Gebäude-Modernisierungsgesetz (GModG) aus Berlin, die vermeintliche Technologieoffenheit über Planbarkeit, Finanzierbarkeit und Verlässlichkeit stellen. „Das sind durchaus zwei sehr ernst zu nehmenden Faktoren, die im laufenden Transformationsprozess in Hamburg auch Auswirkungen haben", unterstrich Rispens.
Zweite Bürgermeisterin und Senatorin Katharina Fegebank bekräftigte in ihrem Grußwort den politischen Willen des Hamburger Senats, die Energiewende aktiv zu gestalten und finanziell zu ermöglichen. Sie betonte die Notwendigkeit gesellschaftlicher Akzeptanz und sozialer Verträglichkeit als zentrale Voraussetzungen für das Gelingen der Transformation.
Keynote: Raus aus den Silos
Ben Schlemmermeier, Geschäftsführer der LBD-Beratungsgesellschaft, skizzierte in seiner Keynote das grundlegende strukturelle Problem der deutschen Energiepolitik: Das Energiesystem sei das Ergebnis zahlreicher Einzelgesetze, die isoliert wirken und keine integrierte Wirkung entfalten. Der Ursprung der Rechtsordnung sei über 25 Jahre alt und den heutigen technischen und gesellschaftlichen Anforderungen nicht mehr gewachsen. Schlemmermeier forderte eine ganzheitliche Systemgestaltung mit klaren politischen Leitplanken – und plädierte dafür, dass Hamburg seine Energieangelegenheiten eigenständig und aktiv gestaltet, statt auf verlässliche Lösungen aus Berlin zu warten.
Als konkreten Handlungsansatz schlug er vor, die kommunale Wärmeplanung als strategisches Steuerungsinstrument auszubauen und um weitere Bausteine zu ergänzen – darunter eine digitale Plattform für Datenmanagement und Akteurskoordination sowie ein gemeinsames „Drehbuch", das Bürgerinnen und Bürger, Unternehmen, Behörden und Politik auf ein gemeinsames Ziel verpflichtet. Hamburgs eigene Infrastrukturbeteiligungen seien dabei ein einzigartiger strategischer Vorteil, den die Stadt konsequent nutzen müsse.
Leitvortrag: Wird 2026 das Jahr der Wärmewende?
Kirsten Fust, Geschäftsführerin der Hamburger Energiewerke (HEnW), gab einen tiefen Einblick in die konkrete Umsetzung der Fernwärmetransformation – und zeigte damit anschaulich, welcher Kraftakt hinter den großen Zahlen steckt. Das neue Fernwärme-Herzstück des Jahres ist der Energiepark Hafen auf der Dradenau: ein deutschlandweit einzigartiges modulares Kraftwerksprojekt, das Abwasserwärmepumpen, Power-to-Heat-Anlagen, industrielle Abwärme, Wärme aus Müllverbrennung und Kraft-Wärme-Kopplung unter einem Dach vereint. Der dafür erforderliche dritte Elbtunnel für die Fernwärmeleitung stellt allein schon eine erhebliche technische Leistung dar.
Fust schilderte die wachsenden Genehmigungshürden und die Herausforderungen bei der Einbindung industrieller Abwärmequellen wie der Kupferhütte und der Müllverbrennungsanlage Borsigstraße – Partnerschaften, die oft jahrelange Verhandlungen erforderten. Zudem wies sie auf die seit 2020 um 30 Prozent gestiegenen Materialkosten hin. Als entscheidend für die weitere Beschleunigung nannte sie verlässliche Gesetzgebung: Das auslaufende Kraft-Wärme-Kopplungsgesetz und die Debatte um die Länderöffnungsklausel im GModG seien zentrale Knackpunkte. Ihr Appell war klar: „Jetzt anfangen und nicht in langen Diskussionen verharren."
Podiumsdiskussion: Wie schaffen wir die Wärmewende bis 2040?
Die anschließende Podiumsdiskussion mit Kirsten Fust (HEnW), Ben Schlemmermeier (LBD), Leonardo Estrada (Drees & Sommer SE) und Thoralf Winkel (ArcelorMittal Hamburg) zeigte die Bandbreite der Herausforderungen – von der industriellen Abwärmenutzung bis zur sozialen Frage.
ArcelorMittal Hamburg präsentierte ein konkretes Vorzeigebeispiel: Das Werk betreibt Europas einzige Direktreduktionsanlage zur Stahlherstellung und reduziert damit den CO₂-Ausstoß um rund zwei Drittel gegenüber herkömmlichen Verfahren. Die dabei anfallende klimaneutrale Abwärme von rund 56 GWh pro Jahr – genug für etwa 7.000 Haushalte – wird künftig ins Hamburger Fernwärmenetz eingespeist. Thoralf Winkel betonte, dass langfristige Verträge und verlässliche politische Rahmenbedingungen die entscheidenden Erfolgsfaktoren für solche Kooperationen seien.
Aus Beratungsperspektive empfahl Leonardo Estrada ein flexibles, kontinuierlich kommuniziertes Zielbild mit klar definierten Verantwortlichkeiten. Wichtig sei auch die Standardisierung von Fernwärmeanschlüssen und eine bessere Abstimmung von Infrastrukturmaßnahmen – etwa zwischen Straßenausbau und Leitungsverlegung – um Effizienzpotenziale zu heben. Die Diskussion machte ebenfalls deutlich, dass die soziale Verträglichkeit der Wärmewende entscheidend ist: Förderprogramme müssen verlässlich und kontinuierlich sein, und das Vermieter-Mieter-Dilemma bei energetischen Modernisierungen bleibt eine zentrale strukturelle Baustelle. Fluss-Wärmepumpen wurden als vielversprechende Technologie mit erheblichem Potenzial diskutiert, die aber weiterhin auf einen klaren Genehmigungsrahmen wartet.
Teil 2: Digitalisierte Netze – vier Perspektiven auf die Netzintelligenz
Hamburger Energienetze: eround.grid macht die Niederspannung zukunftssicher
Bendic Ritt von den Hamburger Energienetzen erläuterte die grundlegende Herausforderung: Die prognostizierte Verdopplung der Höchstlast und der massenhafte Zubau von Wärmepumpen und Wallboxen erzeugen abendliche Lastspitzen, die die Netzinfrastruktur an ihre Grenzen bringen. Da ein vollständiger Netzausbau weder finanziell noch kapazitär realistisch ist, setzt Hamburg auf intelligente Steuerung: Eine eigenentwickelte Datenplattform konsolidiert Messdaten von 4,2 Millionen Betriebsmitteln mit 625.000 Messpunkten pro Stunde und ermöglicht eine präzise Netzzustandsbestimmung. Das darauf aufbauende Steuerungssystem zur diskriminierungsfreien Abregelung bei Netzengpässen soll Ende 2026 / Anfang 2027 einsatzbereit sein – zwei Jahre vor der gesetzlichen Frist zum 1. Januar 2029.
Helmut-Schmidt-Universität: Regionale Betrachtungen und energieträgerübergreifende Netzberechnung
Daniela Vorwerk von der Helmut-Schmidt-Universität stellte Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt zur integrierten sektorübergreifenden Netzplanung vor, das gemeinsam mit Hamburger Energienetzen, Hamburger Energiewerken sowie der TU Hamburg und der Helmut-Schmidt-Universität durchgeführt wurde. Im Projekt werden energieträgerübergreifende Berechnungsmethoden entwickelt, die auf sogenannten „neutralen Zonen" als kleinsten geografischen Einheiten basieren. Diese ermöglichen eine differenzierte Bottom-up-Abschätzung lokaler Energiebedarfe – etwa für Haushaltsstrom, Wärme und Ladeinfrastruktur – auf Stadtteilebene und lassen sich grundsätzlich auf andere Regionen übertragen.
hySOLUTIONS: Fairness-Faktor für intelligentes Engpassmanagement
Marie Rühl von hySOLUTIONS stellte das Forschungsprojekt FARFALLE vor, das gemeinsam mit den Hamburger Energienetzen und der HAW Hamburg entwickelt wird. Kern des Projekts ist ein sogenannter Fairnessfaktor, der bei kurativen Netzengpässen nicht alle steuerbaren Verbrauchseinheiten gleichbehandelt, sondern gezielt jene ansteuert, die am effizientesten zur Engpassauflösung beitragen. Studien prognostizieren dadurch eine mögliche Reduktion der Netzausbaukosten um bis zu 50 Prozent bis 2035 – das entspricht rund 18 Milliarden Euro bundesweit. Das Projekt erarbeitet zugleich einen Auslegungshinweis zur Integration des Fairnessfaktors in den bestehenden §14a EnWG.
Helmut-Schmidt-Universität: Intelligente Hafenquartiere
Andreas Stadler von der Helmut-Schmidt-Universität präsentierte Ansätze zur gemeinsamen Nutzung von Energie- und Netzkapazitäten im Hamburger Hafenquartier. Neben Energie-Sharing, geschlossenen Verteilernetzen und geteilten Netzanschlussleitungen stellte er einen vierten Ansatz vor: die virtuelle Kapazitätsaufteilung auf Umspannwerksebene, bei der mehrere Akteure – etwa LKW-Ladeinfrastruktur und Landstromanlagen für Schiffe – eine gemeinsam genutzte Maximalleistung flexibel aufteilen. Eine intelligente Plattform soll Netzinformationen, Verbrauchsprognosen und Unternehmensdaten integrieren, um die gut planbaren Lastprofile im Hafen optimal zu koordinieren.
Fazit: 2026 als Meilenstein-Jahr für Wärmewende
In seinem Schlusswort zog Jan Rispens eine klare Bilanz: 2026 wird für Hamburgs Energieinfrastruktur ein Jahr der großen Schritte – mit der Inbetriebnahme des Energieparks Hafen, dem vorgelegten kommunalen Wärmeplan, dem weiteren Aufbau des Wasserstoffnetzes und der systematischen Erschließung von Flexibilitätspotenzialen im Stromnetz. Und mit der geplanten Stilllegung des Kohlekraftwerks Wedel zu Beginn der Heizsaison 2026/27 erreicht Hamburg einen historischen Meilenstein. Die Konferenz machte deutlich: Hamburg handelt – auch wenn die bundespolitischen Rahmenbedingungen Unsicherheiten erzeugen. Im Anschluss nutzten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer beim offenen Netzwerken mit Häppchen die Gelegenheit, die Impulse des Tages in direkten Fachgesprächen weiterzudenken.