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Wachsende Arbeitslosigkeit und Fachkräftemangel in der Energiewende – wie passt das zusammen? Interview mit Ganimete Scholz, Gründerin von GREENGANY – der KI-gestützten Jobplattform für Erneuerbare Energien und GreenTech.
Derzeit ist die Arbeitslosigkeit unter Akademiker*innen auf Rekordniveau, doch gleichzeitig fehlt es an ausgebildetem Fachpersonal für die Energiewende. Welche Jobprofile gefragt sind, wie KI Einstellungsprozesse und Anforderungen verändert und warum GREENGANY Talente anders findet als klassische Portale, erfahren Sie im Interview.
EEHH: Der aktuelle Arbeitsmarkt ist umkämpft. Mehr Akademiker denn je sind arbeitssuchend gemeldet (Agentur für Arbeit: 335.000 im Jahr 2025). Gleichzeitig sprechen Fachverbände und Medien von einem akuten Fachkräftemangel in den erneuerbaren Energien. Wie erklären Sie diese scheinbare Diskrepanz? Welche strukturellen oder sektorspezifischen Faktoren liegen Ihrer Meinung nach zugrunde?
Ganimete Scholz: Die scheinbare Diskrepanz ist vor allem das Ergebnis eines strukturellen und qualitativen Mismatches am Arbeitsmarkt. Während die Zahl akademischer Abschlüsse über Jahre stark gestiegen ist, fehlen gleichzeitig praxisnahe, technisch orientierte Qualifikationen – genau jene, die für den Ausbau der Energieinfrastruktur entscheidend sind. Zudem befinden sich klassische Branchen wie Automobilindustrie, Medien oder Beratung in einem tiefgreifenden Strukturwandel und bauen Stellen ab, während im Bereich der erneuerbaren Energien neue Rollen mit völlig anderen Kompetenzanforderungen entstehen. Hinzu kommen regionale Unterschiede: Viele Fachkräfte konzentrieren sich auf urbane Räume, während Projekte der Energiewende häufig in ländlichen Regionen stattfinden. Parallel verändert der Einsatz von Digitalisierung und KI die Einstiegsstrukturen: Routineaufgaben entfallen zunehmend, wodurch der Wettbewerb um verbleibende Positionen steigt. Insgesamt entsteht so kein Mangel an Arbeitskräften, sondern ein Mangel an passgenau qualifizierten Fachkräften.
EEHH: Welche konkreten Skills sind derzeit besonders nachgefragt im Bereich Erneuerbare Energien?
Ganimete Scholz: Besonders gefragt sind derzeit drei Kompetenzfelder:
- Operative Umsetzungskompetenz: Fachkräfte, die Anlagen nicht nur planen, sondern installieren, in Betrieb nehmen und warten können – insbesondere in der Elektro- und Energietechnik sowie im PV- und Windbereich.
- Projekt- und Schnittstellenmanagement: Experten, die komplexe Projekte steuern und zwischen verschiedenen Akteuren wie Netzbetreibern, Behörden und Kunden koordinieren können.
- IT- und Datenkompetenz: Spezialisten für Datenanalyse, Smart Grids und IT-Sicherheit, die den digitalen Betrieb und die Resilienz kritischer Infrastrukturen sicherstellen.
EEHH: Wie stark ist der Bedarf an interdisziplinären Skills?
Ganimete Scholz: Der Bedarf an interdisziplinären Profilen ist zentral für den Erfolg der Energiewende und nimmt weiter zu. Gefragt sind insbesondere Fachkräfte, die klassische Ingenieurskompetenzen mit IT- und Datenwissen verbinden. Beispiele sind Elektrotechniker mit Datenanalysefähigkeiten oder Experten, die sowohl Energieinfrastruktur als auch Cyber-Security verstehen. Diese „Brückenprofile“ sind entscheidend, um komplexe Systeme wie intelligente Netze effizient und sicher zu betreiben.
EEHH: Mit GREENGANY haben sie eine KI-Jobplattform für Erneuerbare Energien und Greentech ins Leben gerufen. Welche konkreten Vorteile sehen Sie gegenüber allgemeinen Jobbörsen, insbesondere in Bezug auf Transparenz, Skill‑Visibility und Geschwindigkeit der Besetzung?
Ganimete Scholz: Allgemeine Jobbörsen gleichen Schlagworte ab. GREENGANY analysiert Kompetenzen.
Wir identifizieren tatsächliche Fähigkeiten und übertragbare Kompetenzen aus anderen Branchen – und bewerten sie direkt im Kontext der Energiewende und GreenTech. Talente werden somit nicht an Keywords gemessen, sondern an dem, was sie wirklich können. Das ist der entscheidende Vorteil für Quer- und Berufseinsteiger, die bisher an starren Filtern gescheitert sind – und für Unternehmen, die Potenziale früher erkennen wollen.
Der GANY-Score macht Passung sofort greifbar. Die Skills-Gap-Analyse zeigt, was bereits passt, was fehlt und wo Qualifizierung sinnvoll ist. Alle erkannten Skills bleiben im Profil sichtbar und editierbar – keine Black Box, volle Kontrolle. Für Unternehmen bedeutet das: weniger Screening-Aufwand, mehr Passgenauigkeit von Anfang an.
Geschwindigkeit entsteht bei uns nicht durch Abkürzungen, sondern durch Präzision. Wer passende Profile sieht, entscheidet schneller – ob für eine direkte Besetzung oder einen gezielten Hire-&-Upskill-Ansatz.
EEHH: Es wird häufig diskutiert, dass KI in einigen Branchen zu einem starken Rückgang bestimmter Tätigkeitsprofile führt. Welche Auswirkungen beobachten Sie in der EE‑Branche? Gibt es Bereiche, in denen Aufgaben durch KI wegfallen?
Ganimete Scholz: In der EE-Branche führt KI primär zu einer Transformation von Aufgaben, nicht zu deren Wegfall. Routineprozesse wie Prognosen oder Wartungsplanung werden zunehmend automatisiert. Gleichzeitig steigt der Bedarf an Fachkräften, die diese Systeme steuern, Ergebnisse interpretieren und strategische Entscheidungen treffen. Der Fokus verschiebt sich damit von operativer Routine hin zu Analyse-, Steuerungs- und Entscheidungsfähigkeiten.
EEHH: Gleichzeitig setzt GREENGANY auf KI, um passende Fachkräfte schneller zu vermitteln. Welche Vorteile sehen Sie in einer KI‑gestützten Rekrutierung und welche neuen Qualifikationen entstehen dadurch für Bewerber*innen im Bereich Erneuerbare Energien?
Ganimete Scholz: KI-gestützte Rekrutierung verbessert sowohl Effizienz als auch Fairness im Matching-Prozess. Sie ermöglicht eine ganzheitlichere Bewertung von Kompetenzprofilen, inklusive übertragbarer Fähigkeiten, und reduziert die Abhängigkeit von formalen Kriterien wie Jobtiteln. Für Bewerber bedeutet das: Der Fokus liegt stärker auf einem klar strukturierten, transparenten Kompetenzprofil. Wer seine Fähigkeiten präzise darstellt und aktiv mit datenbasiertem Feedback – etwa Skills-Gap-Analysen – arbeitet, hat deutliche Vorteile. Gleichzeitig entstehen neue Anforderungen: Digitale Selbstpräsentation, kontinuierliche Weiterentwicklung und die Fähigkeit, eigene Kompetenzen aktiv zu steuern, werden zunehmend entscheidend.
EEHH: Trotz politischer Unsicherheiten – etwa die jüngste Reform des Gebäudeenergiegesetzes und die Diskussion um die Solar‑Zulage – wie schätzen Sie die mittelfristigen Jobaussichten im EE‑Sektor ein? Welche politischen Rahmenbedingungen wären aus Ihrer Sicht besonders förderlich, um den Fachkräftebedarf nachhaltig zu decken?
Ganimete Scholz: Die mittelfristigen Jobaussichten im Bereich erneuerbare Energien sind sehr positiv. Die Energiewende ist wirtschaftlich und geopolitisch notwendig, wodurch ein nachhaltiger Fachkräftebedarf entsteht – mit einem prognostizierten Bedarf von über 160.000 zusätzlichen Arbeitskräften bis 2030. Um diesen Bedarf zu decken, sind drei zentrale politische Maßnahmen entscheidend:
- Planungssicherheit für Unternehmen, um Investitionen und Personalaufbau langfristig zu ermöglichen.
- Eine umfassende Qualifizierungsoffensive, insbesondere für den Wechsel von Fachkräften aus anderen Branchen.
- Eine moderne Fachkräftestrategie mit stärkerer Förderung der dualen Ausbildung, schnelleren Anerkennungsverfahren für internationale Abschlüsse und den Abbau bürokratischer Hürden.
EEHH: Vielen Dank für das aufschlussreiche Interview!