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Vom Hype über die Ernüchterung hin zum Realismus Nachbericht zum Abschlusskongress der Transferforschung Wasserstoff, Berlin 12.05.2026
Ein hoher H2-Preis, mangelnde Abnahmeverträge, eine sich erst im Aufbau befindliche Infrastruktur, eine herausfordernde Regulatorik und eine geringe Geschwindigkeit bei deren Ausformulierung und Umsetzung – der Wasserstoffmarkthochlauf hat es nicht leicht! Dabei war die Branche zu Beginn der 2020er-Jahre sehr euphorisch gestartet. Das Norddeutsche Reallabor (NRL) und sieben weitere vom Bundeswirtschaftsministerium geförderte Wasserstoffreallabore haben sowohl den Hype als auch die Phase der Ernüchterung miterlebt, den Weg aktiv mitgestaltet – und so Realismus in die Debatte gebracht. Auf dem Abschlusskongress in Berlin wurde nun Bilanz gezogen sowie Handlungsempfehlungen an Politik, Projektierer und First Mover der Wassersstoffwirtschaft gegeben.
Reallabore bringen als Pioniere Realismus in die Debatte
Dr. Rodoula Tryfonidou vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energiewende (BMWE) eröffnete den Abschlusskongress mit einem Rückblick auf den Aufruf der Förderinitiative „Reallabore der Energiewende“ im Jahr 2018/2019 im Kontext der nationalen Wasserstoffstrategie. Ziel sei es gewesen, Forschungsergebnisse in die Praxis zu überführen und praxisrelevante Erkenntnisse für den Markthochlauf zu gewinnen.
2020 mit einem Gesamtbudget von 200 Millionen Euro gestartet, davon etwa zwei Drittel Fördermittel für die Industrie, sei der Blick auf die Projektergebnisse nach sechs Jahren ambivalent: Trotz Verzögerungen gebe es erfolgreiche Demonstratoren, etwa den Trailblazer mit 20 Megawatt Leistung und eine Vielzahl an Erkenntnissen in Regulatorik, Akzeptanz und Marktlogik. Die zu Projektende installierte Leistung fiele zwar geringer aus als ursprünglich geplant. Dies sei jedoch kein Rückschlag, sondern Ausdruck der realen Herausforderungen und Dynamik im Wasserstoff-Markthochlauf, dem auch die Wasserstoffreallabore unterlägen.
Reallabore brächten als Pioniere Realismus in die Debatte, identifizierten Hürden und zeigten notwendige Anpassungen auf. Das begleitende Transferforschungsprojekts von Trans4Real habe einen wesentlichen Beitrag geleistet, die Ergebnisse zusammenzugetragen, zu generalisieren und damit belastbares, übergreifendes Wissen für Forschung, Wirtschaft und Politik zu schaffen. Tryfonidou schlussfolgerte, dass der Transformationsprozess nicht geradlinig verlaufe, aber der eingeschlagene Weg richtig sei, da er gemeinsames Lernen und kontinuierliche Verbesserungen ermögliche. Daher sei es notwendig, auch künftig Initiativen wie die „Reallabore der Energiewende“ fortzuführen, um Energieinnovationen zu demonstrieren, Vertrauen in neue Technologien zu stärken und mutige Unternehmen bei der Umsetzung von Transformationsprojekten zu unterstützen.
„We [also] face delays.“
Prof. David Smeulders, Lehrstuhl Engineering Thermodynamics for Energy Systems & Projektleiter Hy-TROS von der TU Eindhoven ordnete in seinem Impuls die deutschen Reallabore in einen internationalen Kontext ein. Der niederländische Wasserstoffansatz sei in vielerlei Hinsicht mit der deutschen Situation vergleichbar, jedoch etwas später gestartet. Nach Deutschland seien die Niederlande zweitgrößter Produzent von grauem Wasserstoff in Europa, vor allem für die Düngemittelproduktion. Die Wasserstoffproduktion solle nun dekarbonisiert werden und in einem europäischen, grenzüberschreitenden Kontext agieren. Da die Eigenproduktion nicht ausreiche, sei eine Importstrategie essenziell. Über Rotterdam solle der Import von Ammoniak fokussiert werden, während Amsterdam beim Import von Flüssigwasserstoff eine zentrale Rolle spiele. Die Niederlande bedienten sich dabei der historischen Gasinfrastruktur, die auf Wasserstoff umgerüstet werde, und bauten auf das Wasserstoffkernnetz. Doch Smeulders räumt ein: „We also face delays“, mit dem Blick auf Projekthorizonte und die Verschiebung der Fertigstellung und den Anschluss an das European Hydrogen Backbone.
Eine besondere Ähnlichkeit mit dem deutschen Ansatz der Reallabore ist das aktuell laufende niederländische Programm „groen vermogen nl“ mit einem Budget von rund 800 Millionen Euro. Initiiert von der Regierung und High-Tech-Zentren (Holland HITeC) solle der Klimawandel bekämpft, die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie gestärkt und energieintensive Industrien trotz hoher Energiepreise erhalten werden.
Die niederländischen Ambitionen und Programme seien weitgehend mit den deutschen Zielen vergleichbar. Der Fokus liege auf der Kombination von Forschung, Bildung, Industriekooperation und Pilotprojekten, um die Wasserstoffwirtschaft praxisnah und effizient umzusetzen. Die Integration von Infrastrukturentwicklung, Importstrategien und gesellschaftlicher Akzeptanz bilde eine ganzheitliche Herangehensweise. Der Blick nach Deutschland sei daher in doppelter Hinsicht lohnend.
Acht Wasserstoff-Reallabore im Schnelldurchlauf
In Anschluss an diese Einordnung wurden in sogenannten Twin-Interviews jeweils zwei der derzeit acht Wasserstoff-Reallabore in Kurzsessions auf der Bühne interviewt, um den aktuellen Erkenntnisstand der Projekte zu transportieren und Learnings, Handlungsempfehlungen sowie einen Ausblick auf zukünftige Entwicklungen zu geben:
H2Cast: Das Reallabor demonstriert die Machbarkeit von großvolumiger unterirdischer Speicherung von Wasserstoff in Salzkavernen. H2CAST steht für H2 CAvern Storage Transition, d.h. die Umwidmung bestehender Kavernen und Anlagen in Etzel für die zukünftig notwendige Speicherung von Wasserstoff als Baustein eines zukünftigen Energiesystems.[SM1]
Ergebnisse:
- Seit 2022 werden dank Förderung zwei bestehende Salzkavernen, ursprünglich für Öl- und Gasspeicherung vorgesehen, technisch auf Wasserstoffspeicherung umgerüstet.
- Umfangreiche Tests und Langzeitmonitoring belegen, dass Salzgestein gegenüber Wasserstoff ebenso dicht ist wie gegenüber Erdgas. Sicherheitsbedenken und Werkstofffragen konnten dank internationaler Standards und Tests überwunden werden.
- Bisher wurden ca. 1 Million Kubikmeter Wasserstoff in den Kavernen gespeichert (entspricht etwa 100 Tonnen), transportiert mit rund 200 Tanklastzügen.
- Die Umrüstung der Untertageanlagen ist technisch machbar und bereits erfolgreich umgesetzt.
- Ein langfristiger Ausbau erfordert erhebliche Investitionen und dauert für Umrüstungen etwa 3 bis 5 Jahre, Neubauten dauern über zehn Jahre.
- Ein verlässlicher politischer und wirtschaftlicher Rahmen ist entscheidend, um die Motivation für Investitionen in neue Speicheranlagen sicherzustellen.
Trailblazer: Das Elektrolyseprojekt Trailblazer umfasst einen 20-Megawatt-Elektrolyseur in Oberhausen mit geplanter Erweiterung auf 30 Megawatt als Blaupause für größere Anlagen.
Ergebnisse:
- Der Betrieb läuft seit etwa anderthalb Jahren erfolgreich in verschiedenen Modi, inklusive schneller Lastwechsel, wobei anfängliche „Kinderkrankheiten“ überwunden wurden.
- Trailblazer dient als Testbasis, um Erkenntnisse für Großanlagen (z.B. Projekte über 100 MW in Frankreich und den Niederlanden) zu gewinnen, was zu signifikanten Einsparungen und Risikoreduzierung führt.
- Aktuell fehlt jedoch für Großanlagen außerhalb des Mobilitätssektors ein starker Marktanreiz. Die Elektrolyseure sind flexibel und leisten einen Beitrag zur Systemstabilität, beispielsweise bei negativen Strompreisen.
Energiepark Bad Lauchstädt: Das Reallabor in Bad Lauchstädt erprobt großtechnisch die intelligente Erzeugung von grünem Wasserstoff aus Windstrom sowie dessen Speicherung, Transport, Vermarktung und Nutzung in Mitteldeutschland. Fokus des Projekts ist der Betrieb einer Elektrolyseanlage mit bis zu 35 MW Elektrolyseleistung
Ergebnisse:
- Die Inbetriebnahme der 30 MW Anlage steht kurz bevor.
- Nutzung einer umgewidmeten Erdgasleitung aus den 1970er Jahren, die bereits bis zu 40 % Wasserstoff führte und nun vollständig auf Wasserstoffbetrieb umgerüstet ist
- Geplante kommerzielle Belieferung einer Total Energy Raffinerie Ende 2026/Anfang 2027.
Hydronet: Ziel des Reallabors ist der Aufbau eines vollständigen regionalen Wasserstoff-Ökosystems im eigens geschaffenen Verteilnetz, insbesondere für die Schlüsselindustrien Papier, Stahl und Automobil im Sauerland.
Ergebnisse:
- Einbindung von türkisem Wasserstoff. Ein großer regionaler Abfallentsorger produziert Ammoniak aus ammoniumhaltigem Sonderabfall, woraus dann Wasserstoff gewonnen werden kann. Diese Lösung soll als Übergang fungieren, bis grüner Wasserstoff flächendeckender genutzt werden kann.
- Hohe Strompreise als Haupthemmnis für Wasserstoffbezug in der Industrie. Daher noch keine FID für Elektrolyseanlage getroffen.
- Das regionale Verteilnetz ist derzeit nicht an das überregionale Wasserstoff-Kernnetz angeschlossen; ein Anschluss ist für die Zeit ab 2032 angedacht. Langfristig wird ein schrittweises „Zwiebelschalenprinzip“ verfolgt, also ein sukzessives Wachstum bis zur Kopplung an das Kernnetz.
H2Stahl: Das Reallabor H2Stahl forscht an der wasserstoffbasierten Direktreduktion zur Stahlproduktion. Im Rahmen des Projektes wird eine Direktreduktionsversuchsanlage errichtet und in Versuchskampagnen betrieben.
Ergebnisse:
- Aktuell befindet sich die Direktreduktionsanlage im Bau. Engineering und Komponentenbestellung sind abgeschlossen.
- Ziel: Mehrfache Tests mit verschiedenen Materialien und auch mit bis zu 100% Wasserstoff stehen an.
- Die Anlage wird in Nähe eines Elektrolyseprojekts von Thyssen Krupp errichtet, wodurch die H2-Zufuhr gesichert wird.
H2 Whylen: Ziel des Reallabors ist die Errichtung einer Power-to-Gas-Anlage mit 5 MW Leistung nahe einem Wasserkraftwerk zur regionalen Wasserstoffnutzung ohne Anschluss an das Wasserstoffkernnetz. Die Nutzung von Abwärme vor Ort wird ebenfalls erwogen.
Ergebnisse:
- Die Bauarbeiten sind abgeschlossen, alle Hauptkomponenten wurden angeliefert.
- Aktuell läuft die kalte Inbetriebnahme mit mechanischen Tests und Befüllung der Kühlkreisläufe.
- Parallel wurde eine Wasserstoffausschreibung (deutschlandweit und in der Schweiz) gestartet, um Kunden für den Probebetrieb zu gewinnen. Abnahmeverträge befinden sich in finalen Verhandlungen.
RefLau: Ähnlich wie im NRL steht im Reallabor Reflau eine Energie-Region im Fokus: die Lausitz. Das Projektkonsortium besteht aus drei kommerziellen Partnern (Enertrag, Energiequelle, Industriepark) und drei Forschungsinstituten (BTU Cottbus, TU Dresden, Fraunhofer EC). Ziel ist die Demonstration der Grundlastfähigkeit erneuerbarer Energien durch lokale Wasserstofferzeugung, oberirdische Druckspeicher und Rückverstromung.
Ergebnisse:
- Die Modellierung der Systemintegration und die Testläufe sind weit fortgeschritten, die physische Umsetzung steht noch aus.
Norddeutsches Reallabor (NRL)
Projektkoordinator Mike Blicker gab einen Einblick in den gesamtsystemischen Ansatz des Norddeutschen Reallabors. Dabei betonte er die idealen Voraussetzungen für die Ansiedlung der gesamten Wasserstoff-Wertschöpfungskette in Norddeutschland mit günstigem Grünstrom aus Wind- und Solar in den Küstenbundesländern, einer gut ausgebauten Infrastruktur, Speicheroptionen und H2-Großabnehmern in Industriezentren wie Hamburg.
Gleichzeitig wies er auch auf die Schwierigkeiten im H2-Markthochlauf hin, die das Projekt seit Initiierung begleiteten: H2-Preis/Wirtschaftlichkeit und lange unsichere Regulatorik im Bereich Wasserstoff.
Besonders positiv hob er hervor, dass das NRL als Pionier einen wertvollen Erfahrungsschatz in Genehmigungsverfahren für Elektrolyseanlagen erarbeitet habe, der anderen Projekten (z.B. der geplanten 100-MW-Anlage in Hamburg-Moorburg) nun zugutekommt. Auch wurden innovative Nutzungsmöglichkeiten von Wasserstoff z.B. in der Kupferherstellung und zur Erhöhung der Gasausbeute bei der Biomassevergärung entwickelt und lassen sich auf andere Anlagen in Deutschland übertragen. Nicht zuletzt zeichne sich das NRL insbesondere durch sein großes Konsortium aus, das von dem vertrauensvollen Austausch unter den Projektpartnern profitiere, komplexe Themen wie den gegebenen Rechtsrahmen diskutiere und Verbesserungsvorschläge erarbeite. So leiste das NRL einen entscheidenden Beitrag dazu, die Erkenntnisse aus dem Norden auch auf weitere Regionen übertragen zu können.
Kern des stockenden Hochlaufs: der Wasserstoffpreis
Simon Pichlmaier stellte im Anschluss die Ergebnisse der Begleitforschung von Trans4Real auszugsweise vor.
Grundlage seines Impulses war der Gartner Hype Cycle als Analysemodell zur Entwicklung des Wasserstoffmarkthochlaufs. Der Auslöser dieses Hypes sei in der Regulatorik begründet, insbesondere das deutsche Klimaschutzgesetz von 2019 mit dem Ziel der Treibhausgasneutralität. Die Wasserstoff-Reallabore hätten die zwei zentralen Phasen des Hype Cycles durchlaufen: den anfänglichen Hype mit hohen Erwartungen und die darauffolgende Ernüchterungsphase. Wegweisende regulatorische Entscheidungen hätten die Projekte geprägt - insbesondere der delegierten Rechtsakt RED II Mitte 2023, der maßgeblich Investitionsentscheidungen in Reallaboren beeinflusste. Beispiele sind die positive Investitionsentscheidung für den Energiepark Bad Lauchstädt, aber auch die negative Entscheidung im Reallabor Westküste 100, wobei Letztere nicht ausschließlich auf Strombezugsregelungen zurückzuführen sei.
Die Ernüchterungsphase sei u. a. durch den drastischen Rückgang der Treibhausgasquote von 400 auf 100 € pro Tonne CO2 im Jahr 2023 zurückzuführen, was zu einer geringeren Investitionsbereitschaft und weniger Projekten außerhalb des Reallabor-Umfelds führte.
Im Kern sei die Differenz zwischen aktuellem Wasserstoffpreis und Zahlungsbereitschaft von Großabnehmern das Haupthindernis für einen schnellen Hochlauf. Raffinerien wiesen mit ca. 15,9 €/kg Wasserstoff eine hohe Zahlungsbereitschaft auf, während Sektoren wie Rückverstromung und Chemie deutlich niedrigere Werte zeigten (rund 4 €/kg). Die Bereitstellungskosten für die Gestehung lägen aktuell bei etwa 9 €/kg Wasserstoff, zuzüglich variabler Transport- und Speicherkosten, was eine erhebliche Diskrepanz zu den Zahlungsbereitschaften in vielen Anwendungsbereichen offenbare und damit Finanzierungsprobleme verursache.
Zusätzlich verlangten Banken für Wasserstoffprojekte höhere Zinssätze (ca. 6,75 %) sowie höhere Eigenkapitalanteile und Risikoaufschläge als bei klassischen Erneuerbare-Energie-Projekten, weshalb nur etwa fünf Prozent der Projekte tatsächlich eine Bankenfinanzierung erhalten würden. Banken forderten im Durchschnitt eine gesicherte Abnahme von 74 Prozent des Wasserstoffs, welche in der Regel nicht gegeben sei. Durch den erhöhten Anteil an Eigenkapitalfinanzierung würden zusätzlich höhere Kosten verursacht (45 % höheren Kosten (ca. 4,50 €/kg)).
Partnerschaftliche Konsortien wie der Energiepark Bad Lauchstädt seien integral für die Überwindung des Henne-Ei-Problems zwischen Erzeugung, Abnahme und Infrastruktur. Diese Konsortien förderten die Zusammenarbeit etablierter Unternehmen und schafften so ein belastbares Ökosystem.
Auch das geschaffene Netzwerk und das erworbene Know-how durch die Einbindung von Forschungseinrichtungen und jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern setze langfristig wichtige Impulse für den weiteren Wasserstoffhochlauf.
Abschließend bewertete Herr Pichelmeier den Wasserstoffmarkt als initial stark überhypt. Eine Konsolidierungsphase sei notwendig gewesen und habe zu einer realistischeren Einschätzung geführt. Das aktuelle positive Momentum, gestützt durch regulatorische Maßnahmen wie die Treibhausgasquote, gelte es politisch zu nutzen und durch geeignete Instrumente zu fördern, um Wasserstoff als wesentlichen Beitrag zur Energiewende zu etablieren.
„On hold“ ist ein Euphemismus für „kommen nicht“
Den Abschluss des Vormittagsprogramms markierte eine Podiumsdiskussion mit Dr. Ingo Fährmann (BMWE), Cornelia Müller-Pagel (VNG AG), Dr. Florian Ausfelder (Trans4Real) und Friederike Altgelt (dena). Grundlage des Austauschs waren der Vortrag von Simon Pichelmeier sowie das umfassende Monitoring aller Elektrolyseprojekte in Deutschland, das von der dena im Auftrag des BMWE durchgeführt wurde, inklusive halbjährlicher Befragungen der Projektpartner. Demzufolge stieg im vergangenen Jahr die installierte Elektrolyseurleistung von ca. 120 MW auf 190 MW (+50 %). Über 1 GW an Projekten befände sich im Bau, mit planmäßiger Inbetriebnahme bis Ende 2027. Weiterhin lägen Fördermittelbescheide für rund 700 MW vor, weitere 3,5 GW seien in Planung. Die kumulierte Projektpipeline für 2030 betrage daher aktuell etwa 5,6 GW, eine deutlich Reduktion gegenüber 12 GW aus der Prognose 2024. Viele Projekte seien nicht vollständig gestoppt, sondern zeitlich verschoben oder „on hold“. Für 2032 werde eine Pipeline von über 10 GW erwartet.
Cornelia Müller-Pagel erwiderte, dass „‚on hold‘ der nette Begriff für ‚kommen nicht‘ sei“ und forderte eine Verlängerung der Netzentgeltbefreiung von Elektrolyseuren auch jenseits der 13K-Regionen. Viele Projekte seien faktisch „tot“, wenn keine Investitionsentscheidungen getroffen werden können, da regulatorische Fristen und Wirtschaftlichkeit nicht mehr gegeben seien. Das „zögerliche Vorgehen“ der Politik z. B. bei der Übersetzung von EU-Novellen in nationales Recht koste bei neuen Technologien sehr viel.
Dr. Ingo Fährmann, Referatsleiter Wasserstoffnetze und -speicher, Gasnetze; Koordinierung, Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE), stellte klar, dass im Fokus der Bundesregierung Preise und Resilienz ein höheres Gewicht einnähmen als der Klimaschutz. Gleichwohl sei sich die Bundesregierung bewusst, dass sich Deutschland Versorgungssicherheit (in Form von H2) leisten müsse. Er versicherte, dass die Regierung weiterhin zum H2-Markthochlauf stehe, mahnte aber an, mit Augenmaß vorzugehen: Die Projekte kämen zwar langsamer, aber sie kämen.
In diesem Kontext charakterisierte das Podium Reallabore als exemplarische First Mover mit typischen Anlaufproblemen wie geringeren Volllaststunden und technischen Qualitätsmängeln (z. B. bei Komponenten und Stacks). In dieser Rolle litten diese ersten Projekte insbesondere unter unklarer Regulatorik, technischen Anpassungen, Montageprozessen und Investitionsunsicherheiten. Zudem falle die Übergangsphase der Regulierung mit dem Wasserstoffhochlauf zusammen, was zusätzliche Herausforderungen schaffe. Gleichwohl sei die Verabschiedung der THG-Quoten-Novelle als bedeutender regulatorischer Fortschritt zu werten, reiche aber allein nicht aus, um den Hochlauf zu sichern.
Auch die Diskussion war von der Preis-Problematik bei Wasserstoff getrieben: Die aktuelle Nachfrage werde hauptsächlich durch Raffinerien und THG-Quoten getrieben. Die Chemieindustrie als großer potenzieller Abnehmer stehe vor Wettbewerbsfähigkeitsproblemen bei höheren Wasserstoffkosten. Aber: Kostenanalysen zeigten, dass Mehrkosten für grüne Wasserstoffprodukte in Endprodukten gering seien (z. B. ca. 0,3 Cent pro Kilo Düngemittel oder ca. 100 € Mehrkosten bei Stahl für Dienstwagen). Daraus ergab sich eine Debatte zu Förderungen grüner Produkte, steuerlicher Anreize und staatlicher Beschaffung. Elektrolyseur-Betreiber bräuchten eine Kombination aus regulatorischer Entlastung und Skalierung für eine Preissenkung. Mit einer solchen Preissenkung könnten potenziell neue Kundengruppen erschlossen werden.
Das BMWE hielt sich mit Zusagen zu den Vorschlägen zurück. Dr. Fährmann gab zu bedenken, dass „wir in Deutschland in einer Markwirtschaft leben“, weshalb die Wirtschaftlichkeit und Preisentwicklung entscheidend für den Erfolg, eine vollständige Planbarkeit aber nicht gegeben sei.
Finanzierung, Abnahme und Zertifizierung – die Herausforderungen für den Hochlauf
Am Nachmittag wurden in drei Workshops die Themen Zertifizierung, Abnahme und Finanzierung intensiv bearbeitet.
Den Abschluss der Veranstaltung machte Corinna Enders, Vorsitzende der Geschäftsführung der dena. In Ihrem Schlusswort unterstrich sie die Bedeutung der „Reallabore der Energiewende“ als zentrale Säule für die Konkretisierung und Ausgestaltung der zukünftigen Energiesysteme. Zentraler Baustein sei das Voneinander-Lernen und Miteinander-Reden, das auch im Rahmen des Transferkongresses intensiv stattfand.