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Vom Absatzmarkt zu strategischem Industriestandort der Windindustrie From Hamburg to the World: EEHH-Cluster besuchte türkische Windenergiekonferenz
Türkei gehört zu den am schnellsten wachsenden Windenergiemärkte Europas. Das erste Gesetz zur Förderung der erneuerbaren Energien wurde im Jahr 2005 eingeführt. Erst in den 2010er Jahren nahm der Windenergie-Ausbau Fahrt auf. Durch große staatliche Ausschreibungen (YEKA-Modell) verfolgt die türkische Regierung das Ziel, die Entwicklung der erneuerbaren Energieerzeugung zu beschleunigen und gleichzeitig eine starke einheimische Windindustrie aufzubauen.
Diese Strategie zeigt schon jetzt Wirkung: Ende 2025 lag die installierte Kapazität bei rund 15GW. Mit einem Anteil von etwa 11% am nationalen Strommix ist die Windenergie heute ein wichtiger Bestandteil der türkischen Energieversorgung. Gleichzeitig entwickelt sich die Türkei zunehmend zu einer strategisch bedeutenden Industrie- und Produktionsbasis mit hoher lokaler Wertschöpfung für Europa und den Nahen Osten. Mitte Mai besuchte EEHH-Kollege Jingkai Shi (Internationale Kooperation Erneuerbare Energien) die 15. türkische Windenergiekonferenz in Ankara und berichtet in diesem Artikel über die Eindrücke und Erkenntnisse.
Energiesicherheit ist nationale Priorität
Die Krisen in der Ukraine und im Nahen Osten entfachten die Diskussion über die Energiesicherheit über Europas Grenze hinaus. Besonders deutlich wurde dies auf der 15. türkischen Windenergiekonferenz in Ankara. „Der Ausbau der Windenergie trägt zur Energieunabhängig unseres Landes bei und stärkt die Wettbewerbsfähig und den Wohlstand.“ sagte der türkische Energieminister Alpharslan Bayraktar in einer Keynote-Rede. Für den türkischen Windverband TÜREB ist es die Zeit gekommen, die Energieversorgung der Türkei neu zu denken und zu gestalten. Windenergie ist nicht mehr eine Option, sondern eine Verpflichtung.
Noch spielen fossile Energieträger wie Gas und Kohle eine dominierende Rolle bei der Stromerzeugung. 2025 entfielen auf beide Energieträger zusammen mehr als 50% der Stromerzeugung. Etwa 71% des Energiebedarfs müssen nahezu durch Importe abgedeckt werden. Wie verletzlich die starke Importabhängigkeit ist, zeigt sich seit dem Ausbruch des Konfliktes in der Straße von Hormus deutlich. Vor allem aus wirtschaftlicher Sicht belasten Energieimporte die ohnehin angespannte Finanzlage der Türkei zusätzlich. Zudem ist damit zu rechnen, dass die Öl- und Gaspreise angesichts des ungewissen Ausgangs der geopolitischen Krisen in der Region weiter anziehen würden.
Starkes Engagement von deutschen Unternehmen
Über Jahrzehnte bauten deutsche OEMs wie Enercon und Nordex ein stark lokalisiertes Produktportfolio sowie ein umfassendes Servicenetzwerk in der Türkei auf. Das langfristige Engagement im Markt zahlt sich aus: Mit 8GW installierter Leistungen zählen beide Turbinenhersteller derzeit zu den Marktführern. Dass die Türkei für deutsche Windunternehmen ein wichtiger Wachstumsmarkt ist und bleibt, wird durch aktuelle Investitionspläne zusätzlich unterstrichen.
Am Rande der Konferenz kündigte Enercon den Bau einer neuen Produktionsstätte in Bergma in der Provinz Izmir an. Dort soll der Anlagentyp E-175 EP5 E2 mit einer Nennleistung von 7MW produziert werden. Das neue Werk ist auf eine Produktionskapazität von bis zu 150 Rotorblättern pro Jahr ausgelegt und soll 700 Mitarbeitende beschäftigen. Der neue Anlagentyp wird primär für die Türkei hergestellt. Darüber hinaus soll der Standort Ost- und Südeuropa bedienen.
Zeitgleich zur Konferenz startete Nordex die Fertigung für die neuen Modelle N163 und N175 in Menemen, ebenfalls in der Provinz Izmir. Ziel ist es, der wachsenden Nachfrage nach hocheffizienten Onshore-Windkraftanlagen gerecht zu werden. Bei voller Auslastung kann das Werk jährlich bis zu 1.200 Rotorblätter produzieren und beschäftigt insgesamt 1.200 Menschen in Produktion und Verwaltung. Neben der Belieferung für die YEKA-Projekte plant Nordex zudem, die Anlagen auf internationalen Märkten anzubieten.
Mit „YEKA“ lokale Wertschöpfung aufbauen
YEKA, auf Deutsch übersetzt „Erneuerbare-Energie-Ressourcengebiete“, ist eines der wichtigen industriepolitischen Instrumente der türkischen Regierung, um den Ausbau der erneuerbaren Energien (Wind und Solar) zu fördern. Der Staat weist große Gebiete aus und vergibt diese an Projektentwickler/Investoren im Rahmen einer öffentlichen Auktion, sofern YEKA-spezifische Anforderungen erfüllt werden können.
Ein wesentliches Kriterium ist dabei die Schaffung von lokaler Wertschöpfung. Es wird von dem Konsortium erwartet, Produktionskapazitäten im Bereich der Windenergietechnologie aufzubauen, neue Arbeitsplätze zu schaffen oder Forschungsaktivitäten in der Türkei zu etablieren. Die Gewinner erhalten vom Staat eine langfristige Abnahme vom erzeugten Windstrom und garantierte Einspeisevergütungen.
YEKA verbindet die Energie- und Industriepolitik mit dem Ziel, die Energieimporte und -kosten der Türkei zu senken und das Land gleichzeitig zu einem strategischen Hub der Windenergie in der Region zu entwickeln.
Einstieg in die Offshore-Windenergie
Das größte Potenzial der Windenergie in der Türkei liegt vor der Küste und wird bislang kaum genutzt. Die türkische Regierung will die Erfolgsgeschichte der Onshore-Windenergie auf die Offshore-Windenergie ausweiten und plant große Ausschreibungen. Besonders gelten die westlichen Gebiete der Ägäis und des Marmarameers als vielversprechendste Standorte für Offshore-Windprojekte.
Auf der Konferenz in Ankara stellte der Minister Bayraktar die Pläne im Detail vor. Das türkische Energieministerium identifizierte vier Flächen in der Ägäis (Saros, Gökçeada, Bozcaada und Edremit) und strebt an, bis 2035 die Kapazität von 5GW zu erreichen. Sobald das Genehmigungsverfahren abgeschlossen ist, wird die erste YEKA-Offshore-Ausschreibung durchgeführt.
Bayraktar gab zudem bekannt, dass die Türkei bis 2035 rund 30 Milliarden US-Dollar in die Netzinfrastruktur investieren wird. Die gesamte installierte Leistung von Wind- und Solarenergie soll im selben Zeitraum auf 120GW steigen.
Der Ausbau der Netzanbindung spielt dabei eine sehr wichtige Rolle - nicht nur für die geplanten Offshore-Windparks, sondern auch für die grenzüberschreitende Stromverbindung zu mehreren Nachbarstaaten. Die Türkei verfolgt das Ziel, sich zu einer regionalen Drehscheibe für die Energieversorgung und -handel zwischen Europa, dem Kaukasus und dem Nahen Osten zu entwickeln.
Fazit
Mit politischem Willen und ausländischen Investitionen erzielt die Türkei beachtliche Fortschritte beim Ausbau der Windenergie. Die Anwendung der YEKA-Ausschreibung erweist sich dabei als ein wirksames Instrument, um die einheimische Windindustrie zu stärken. Es bleibt abzuwarten, ob der positive Effekt bei angestrebtem Offshore-Zubau in gleichen Maßen erreicht werden kann.
Die Herausforderungen sind komplex und vielschichtig. Von Netzanbindung bis zu Häfen, nicht zuletzt die weiterhin angespannte Finanzlage sorgt für harte Rahmenbedingungen und Unsicherheit für die Investitionen. Gerade bei Projekten mit langer (Vor-)Laufzeit, z.B. Offshore-Windparks, würden sich die hohe Kapitalkosten negativ auf die Stromgestehungskosten auswirken. Die Beteiligung von internationalen Institutionen wie beispielsweise die KfW, die IPEX-Bank und die World Bank ist ein wichtiger Faktor für die Realisierbarkeit solcher Projekte.
Trotz wirtschaftlicher Schwierigkeiten ist das Interesse internationaler Investoren an der Türkei hoch. Der wachsende Strombedarf und die politische Zielsetzung zur Verringerung der Energieabhängigkeit werden als Chancen gesehen, den Markt weiterhin mit Optimismus zu betrachten.