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Planungssicherheit als Schlüssel für den Hochlauf industrieller Abwärme Einordnung zur NRL-Studie „Industrielle Abwärmenutzung im Kontext der kommunalen Wärmeplanung“

Wirtschaft oder Politik: Wer muss die Weichen stellen für einen marktwirtschaftlichen Hochlauf industrieller Abwärme? Im Interview geben Robin Jaede (RJ) und Henry Riedl (HR) Insights zur kürzlich veröffentlichten Studie Industrielle Abwärmenutzung im Kontext der kommunalen Wärmeplanung des NRL und analysiert kritische Stellschrauben für den Transformationsprozess.

Planungssicherheit als Schlüssel für den Hochlauf industrieller Abwärme
Teilnehmer im Diskurs beim NRL Transformation Lab Wärme | (c) Louis Fraser CC4E

In Ihrer Studie sprechen Sie von Treibern und Hemmnissen für den Markthochlauf industrieller Abwärmenutzung in der kommunalen Wärmeplanung. Was sind die wesentlichen Treiber und überwiegen nicht derzeit die Hemmnisse?

HR: Ich gehe zunächst einmal auf die Hemmnisse ein. Die prägnanteste Hürde derzeit ist die Diskrepanz in den Vertragshorizonten von Industrieunternehmen und Netzbetreibern. Seitens der Netzbetreiber beruht dies auf den hohen Investitionskosten in den Anschluss, die eine langfristige Amortisation der Kosten erfordern. Industrieunternehmen kalkulieren in viel kürzeren Zeitspannen und können und wollen ihre Produktion nicht dem Wärmeliefervertrag unterordnen. Anreize seitens des Gesetzgebers, wie der CO2-Preis, können wiederum die Wirtschaftlichkeit solcher Vorhaben erhöhen und Business Cases schaffen. Andere Treiber können Großprojekte sein, die Best-Practise-Beispiele und Lerneffekte generieren oder eine transparente Kommunikation der Ziele und Vision gegenüber den Bürger:innen, was die Akzeptanz für Fernwärmelösungen erhöht.

 

Ihre Ergebnisse beruhen auf der Auswertung der Transformation Labs – einem Dialog mit Experten. Wie belastbar sind diese Aussagen für die gesamte Branche?

RJ: Wir haben uns natürlich um eine möglichst breite Abdeckung der Stakeholder*innen bemüht und hatten dementsprechend auch durchaus Dissense bei unseren Labs, die wir entsprechend abbilden. Natürlich muss eine solche Studie auch immer unter dem Vorbehalt stehen, dass auch Experten nicht alles wissen können oder sich irren können. Aber gerade das diskursive Format unserer Forschung, das Erkenntnisse immer wieder zur kritischen Auseinandersetzung an die Stakeholder zurückspielt, ermöglicht relativ robuste Ergebnisse. Das Ziel ist auch nicht einen Konsens zu erreichen, sondern das dem Hochlauf zugrundeliegende System und seine Interdependenzen zu beschreiben – und das ist immer auch offen für neue Erkenntnisse oder Expertise von außerhalb.

 

Die Studie verdeutlicht, dass der Transformationsprozess ein komplexes Zusammenspiel aus politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Dimensionen ist. An welchen Stellschrauben müsste zuerst gedreht werden (bitte priorisieren)?

HR: Der Hochlauf entscheidet sich in erster Linie an der Wirtschaftlichkeitsperspektive für Unternehmen, die Abwärme abzugeben haben und der der Netzbetreiber. Die Politik kann nun einerseits direkte regulatorische Vorgaben machen, die die Nutzung von Abwärme anreizen oder indirekt über den Marktmechanismus, indem sie fossile Wärmequellen verteuert. Ein dritter Ansatz ist die Förderung des Infrastrukturausbaus, zur Überbrückung der angesprochenen Zeitdifferenz. Also, auch wenn der Kern des Problems in der ökonomischen Dimension liegt, liegt der Handlungsspielraum vor allem bei der Politik.

In der Gesellschaft richtet sich die Nachfrage vor allem nach dem Preis. Auch wenn die Nachfrage nach erneuerbaren Wärmequellen steigt, steht die Fernwärme auch in Konkurrenz zu anderen Optionen, wie Wärmepumpen, die nachhaltig und teilweise einfacher, bzw. kostengünstiger umzusetzen sind. Hier werden die Wärmepläne helfen, um klarer zu machen, wo welche Lösung technisch und ökonomisch am sinnvollsten ist.

 

 

Experten identifizieren im Workshop Treiber und Hemmnisse für den Hochlauf industrieller Abwärme | (c) Louis Fraser_CC4E

Das „Henne-Ei“-Problem – Infrastruktur entsteht durch Nachfrage und Nachfrage kommt erst auf, wenn Infrastruktur & Wirtschaftlichkeit gegeben sind – beherrscht den Wasserstoffhochlauf ebenso wie die Abwärme Auskopplung. Was kann die Abwärmenutzung ganz konkret aus der Entwicklung der Wasserstoffwirtschaft lernen?

RJ: Zunächst mal muss man hier natürlich unterscheiden. Der Wasserstoffhochlauf hat eine nationale bis internationale Dimension, der Hochlauf industrieller Abwärmenutzung kann zwischen zwei Städten innerhalb Norddeutschlands völlig unterschiedlich verlaufen, auch wenn es natürlich Faktoren auf der Makro Ebene gibt, die überall Einfluss haben. Wenn man aber auf die Gemeinsamkeiten schaut, sehen wir im Wasserstoffhochlauf eine Verkettung sich gegenseitig blockierender Umstände, die sich so auch in der Abwärmenutzung zeigen könnte – dies aber glücklicherweise aktuell nicht tun. Solche Konstellationen zu kennen, kann helfen, Blockaden im System vorzubeugen. Ein zentrales Problem des Wasserstoffhochlaufs ist, dass Angebot und Nachfrage in dieser frühen Phase noch nicht zusammenkommen, weil mangels Netzes nur in kleinen Mengen und über kurze Distanzen grüner Wasserstoff gehandelt werden kann. Daraus kann man für die industrielle Abwärmenutzung lernen, die Auskopplung von Abwärme planerisch immer an den Anschluss von Gebäuden auf der Kundenseite zu koppeln, wenn die Abwärme nicht lediglich einen fossilen Einspeiser ersetzen soll.

 

Planungssicherheit bezeichnen Sie als den Schlüssel zum Erfolg. Doch wer muss hier den ersten Schritt machen, um diese Sicherheit zu schaffen? Netzbetreiber, die Industrie, Stadtwerke oder Gesetzesgeber?

HR: Die Lab-Teilnehmenden haben vor allem Verlässlichkeit seitens des Gesetzgebers gefordert, da jede politische Änderung Einfluss auf Wirtschaftlichkeit, Nachfrage und Infrastrukturausbau hat. Die Unternehmen brauchen diesen Rahmen, um kalkulieren zu können – Infrastruktur ist halt etwas Langfristiges. Stadtwerke in der Hand der Stadt können da etwas freier agieren und möglicherweise einen Anschub für den Netzausbau leisten. In erster Linie muss der Anschub jedoch von der Politik erfolgen, weil ohne verlässliche Rahmenbedingungen niemand das Risiko tragen will.

 

Sie warnen vor nicht-intendierten Nebenfolgen bei einer rein technologischen Betrachtung. Lassen Sie uns konkret werden: Welche Nebenwirkungen könnten auftreten?

RJ: Wird industrielle Abwärme als weitere Wärmequelle erschlossen, erfordert dies zum Teil auch neue Netze zu bauen und neue Kunden anzuschließen, die die Wärme abnehmen. Gleichzeitig bedeutet dies ein Risiko, diese Kunden zukünftig nicht mehr zuverlässig beliefern zu können, sollte die industrielle Abwärme nach Laufzeitende des Liefervertrages nicht mehr zur Verfügung stehen. Gerade weil die Planungshorizonte bei Wärmenetzen so langfristig sind, kann man nicht erst die technische Umsetzung angehen und sich dann um die gesamtsystemische Integration kümmern. Im schlimmsten Fall stößt man sonst auf fehlende Nachfrage oder Akzeptanz vor Ort und kann keine Kundenanschlüsse realisieren und die Auskopplung und die dafür nötige Infrastruktur lassen sich nicht refinanzieren. Deshalb ist der gesamtsystemische Blick wichtig. Und auch hier gilt: Ändert sich im Bauzeitraum die Regulatorik, kann es passieren, dass Leitungen verlegt werden, die bei Fertigstellung keine Wirtschaftlichkeitsperspektive mehr haben, bspw. weil Gebäudeeigner im Anschlussgebiet durch eine gesetzliche Neuregelung – Stichwort GModG – wieder mehr Optionen bei der Heizungswahl haben.

 

Die Transformation Labs fanden 2024 statt. Wie bewerten Sie die Studienergebnisse hinsichtlich Aktualität?

RJ: Seit 2024 ist natürlich viel passiert. Die Wärmepläne der Großstädte sind veröffentlicht, das Gebäudeenergiegesetz wurde durch das Gebäudemodernisierungsgesetz ersetzt. Diese Dynamiken greifen wir in unserer Studie auf. Aber das zugrundeliegende System mit seinen Abhängigkeiten und Wechselwirkungen hat sich nicht nennenswert verändert. Gerade weil unser zentrales Ergebnis unter anderem die Notwendigkeit der Stabilisierung der Regulatorik ist und in der Realität bei diesem Thema große Unsicherheit herrscht, sehen wir die Ergebnisse immer noch sehr aktuell.

 

Im Interview

Robin Jaede hat Politikwissenschaften in Hamburg und Göteborg studiert. Am CC4E arbeitet er seit 2023 zu sozialwissenschaftlichen Energiethemen und ist als Projektmanager verantwortlich für die „Transformation Labs“ Workshop Reihe.

Im Interview

Henry Riedl ist zuständig für die inhaltsanalytische Auswertung der Veranstaltungsreihe „NRL Transformation Labs“ im Rahmen des Teilvorhabens „Industrielle Transformation und gesellschaftliche Teilhabe“ des Norddeutschen Reallabors (NRL), einem länderübergreifenden Energiewende-Verbundprojekt mit 50 Partnern aus Industrie, Energiewirtschaft, Wissenschaft und Politik (Laufzeit 2021-2027).

Über Tim Zeige

Profilbild zu: Tim Zeige

Als Projektleiter Wasserstoffwirtschaft Norddeutsches Reallabor (NRL) & operative Begleitung der Norddeutschen Wasserstoffstrategie (NDWS) unterstütze ich das Team der EEHH vielfältig: (B2B) Kommunikation & Marketing, Redaktionelle Tätigkeiten Events uvm. Besonders treibt es mich an meine Fähigkeiten einzusetzen, um innovativen Technologien wie Wasserstoff eine Bühne zu bieten.

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von Tim Zeige