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"Netzausbau ist herausfordernd" Interview mit Dr. Henrick Quick, 50Hertz
Im Gespräch erläutert Dr. Henrich Quick, Leiter des Bereichs Offshore bei 50Hertz, die aktuellen Herausforderungen.
EEHH: Der Netzausbau ist ein Dreh- und Angelpunkt der Energiewende. Wie beurteilen Sie die Lage aktuell in Deutschland und auch in Europa?
Dr. Henrich Quick: „Der Netzausbau geht stetig voran. Die Zeiträume für die Realisierung neuer Netze sind ganz andere als beim Bau von Wind- oder Solarparks, dadurch hängt das Netz dem Ausbau der Erneuerbaren Energien scheinbar hinterher. Das gilt aber vorwiegend für den Netzausbau an Land, weil wir es hier u.a. mit vielen Streckenkilometern, mit Anwohnern, mit unterschiedlichen Naturschutzbelangen und Eingriffen in die Eigentumsrechte von Grundstückseignern zu tun haben. Beim Netzausbau auf See ist das etwas weniger kompliziert, hier liefern wir pünktlich und gewährleisten, dass die Offshore-Windparks nach ihrer Inbetriebnahme zügig Strom einspeisen können. 50Hertz investiert inzwischen zehnmal so viel in den Netzausbau wie noch vor sechs oder sieben Jahren und das zeigt, welche Dimension und auch welches Tempo der Netzausbau an Land und auf See inzwischen hat. Übrigens: . Im Netzentwicklungsplan erörtern die relevanten Akteure die effizientesten Maßnahmen fortlaufend. In den Konsultationsrunden finden alle Gehör. Außerdem tauschen wir Übertragungsnetzbetreiber uns laufend aus. Nicht nur in Deutschland ist der Netzausbau herausfordernd. Unsere Partner im europäischen Ausland stehen vor ähnlichen Herausforderungen und müssen Antragsteller auf einen Netzanschluss teilweise auf viele Jahre hinaus bis in die späten 2030er Jahre vertrösten."
EEHH: 50Hertz ist an der neuen Bornholm Energy Island beteiligt. Bitte erläutern Sie die Meilensteine und Besonderheiten des Projektes.
Dr. Henrich Quick: „Beim Nordseegipfel im Januar in Hamburg wurden für Bornholm Energy Island sehr relevante Abkommen zwischen der deutschen und der dänischen Regierung geschlossen, um regulatorische Unklarheiten zum Beispiel bei Haftungsfragen zu klären. Grundsätzlich ist das ein Leuchtturmprojekt im Hinblick auf die internationale Vernetzung auf dem Meer. 50Hertz und Energinet sind hier Vorreiter, wir realisieren hier gemeinsam den weltweit ersten hybriden Gleichstrom-Interkonnektor. Da schauen international viele hin, wie uns das gelingt. Wir werden gemeinsam auf Bornholm ein Stromdrehkreuz errichten und insgesamt 3 Gigawatt Offshore-Leistung bedarfsgerecht in beide Ländern leiten, die Kapazität nach Deutschland beträgt 2 GW. BEI dient aber nicht nur der Verteilung von Offshore-Windstrom, sondern die Leitungen werden auch für den internationalen Stromhandel genutzt, weil sie naturgemäß nicht 365 Tage im Jahr ausgelastet sein werden. Das Projekt erhält EU-Fördermittel in Höhe von über 600 Mio. Euro, da wir Pionierarbeit leisten und einige Komponenten nicht wettbewerbsfähig sein könnten ohne diesen Zuschuss. 50Hertz und Energinet haben aktuell die Zeitpläne und Meilensteine verabschiedet, das technische Konzept steht und es gibt Lieferverträge mit NKT über die Kabel und mit Siemens Energy über die notwendigen Konverteranlagen und Umspannwerke. Die Windparks sollen ab 2034 einspeisen. Also: Wir sind bereit, die Schaufel in die Hand zu nehmen und zu buddeln. Und teilweise tun wir das auch schon und machen interessante Entdeckungen. So haben wir bei archäologischen Baufelduntersuchungen Funde entdeckt, die bis zu 6.000 Jahre alt sind, Werkzeuge und anderes."
EEHH: Der Ausbau von Offshore-Wind ist in Deutschland ins Stocken geraten – was erwarten Sie als einer der vier Übertragungsnetzbetreiber von der deutschen Bundesregierung?
Dr. Henrich Quick: „Eines der drängendsten Themen sind die Abschattungseffekte. Die aktuellen Ausbaupläne setzen eine hohe räumliche Dichte von Offshore-Windparks voraus, was die einzelnen Windparks für die jeweiligen Projektentwickler unwirtschaftlich macht. Dieser Herausforderung müssen sich Politik, Behörden, Entwickler und Netzbetreiber gemeinsam widmen. Außerdem sollte Offshore Wind künftig länderübergreifend ausgebaut werden, wie wir es im Projekt Bornholm Island planen. Im Entwurf für den nächsten Netzentwicklungsplan 2037/2045 haben wir bereits einen Paradigmenwechsel vollzogen. Wir gehen davon aus, dass bei einer Entzerrung der Flächen mit weniger installierter Anschlussleistung die gleiche Strommenge transportiert werden kann.
Der zweite Punkt ist die Regulatorik. Das deutsche Ausschreibungsdesign muss angepasst werden, um Planungs- und Zukunftssicherheit zu gewährleisten. Das kann auch Differenzträge, (Contracts for Differences) umfassen. Grundsätzlich ist der deutsche Markt ein sehr attraktiver, der jetzt nachjustiert werden muss. Meiner Meinung macht es Sinn, sich mit Ruhe und Sorgfalt diesen Herausforderungen zu widmen. In der Vergangenheit sind wir manchmal zuviel auf einmal angegangen und haben die gesamte Branche vielleicht mit allzu ambitionierten Zielen überfordert und dadurch auch die Preise unnötige nach oben getrieben."
EEHH: Vielen Dank für das spannende Gespräch!
Dr. Henrich Quick: „Ich danke Ihnen und freue mich auf die Hamburg Offshore Wind Conference am 15. April. Schauen Sie vorbei!“
Anmeldung zur Hamburg Offshore Wind Conference am 15.4. unter: https://www.erneuerbare-energien-hamburg.de/de/events/details/hamburg-offshore-wind-conference-2026.html