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Mehr Solar auf öffentlichen Gebäuden PV-Strategie der Freien und Hansestadt Hamburg
Im Interview erläutert Astrid Erhardt, Referatsleiterin Eneuerbare Energien in der Behörde für Umwelt, Klimaschutz, Energie und Agarwirtschaft (BUKEA), die Kernelemente der Hamburger PV-Strategie.
Constantin Lange: Moin Frau Erhardt, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen, einige Fragen zur PV-Strategie bzw. zum PV-Ausbau in Hamburg zu beantworten. Starten wir gleich ins Thema: Die PV- Strategie für Hamburg wurde im Oktober 2025 vom Senat der FHH verabschiedet. Was sind die zentralen Inhalte der PV-Strategie?
Astrid Erhardt: "Mit der Photovoltaikstrategie hat sich Hamburg das Ziel gesetzt, den Ausbau von Solarenergie in der Stadt deutlich zu beschleunigen. Dabei liegt der Fokus auf der Installation von Solaranlagen auf öffentlichen Gebäuden, der Nutzung von geeigneten Freiflächen (meint auch versiegelte freie Flächen) sowie innovativen Ansätzen wie Mieterstrom und Quartiersprojekten. Gleichzeitig spielt der Ausbau auf privaten Wohn- und Nichtwohngebäuden eine zentrale Rolle für das Erreichen der gesetzten Ziele. Hamburg setzt auf die enge behördenübergreifende Zusammenarbeit, eines kontinuierlichen Monitorings und eine umfassende Informationskampagne, um möglichst viele Bürgerinnen und Bürger für Solarstrom zu gewinnen. Ein besonderes Anliegen ist es, auch Menschen mit geringem Budget einzubeziehen – ein Beispiel hierfür ist die Förderung von Balkonkraftwerken, die die BUKEA gemeinsam mit der Caritas Hamburg durch Beratung und Unterstützung bei der Anschaffung aktiv begleiten."
Constantin Lange: Durch den Zukunftsentscheid Klimaneutralität 2040 wird auch der Ausbau der Erneuerbaren Energien in Hamburg eine noch größere Rolle spielen. Die Solarpotenzialstudie hat ein Potenzial von über 9 GWp ermittelt. Gibt es Überlegungen, das Zubauziel aus der PV-Strategie (1,5 GWp bis 2035) vor dem Hintergrund des Zukunftsentscheids noch einmal anzuheben?
Astrid Erhardt: "Es stimmt, dass die Solarpotenzialstudie des Clusters rechnerisch ein enormes realisierbares Potenzial für Hamburg ermittelt hat. Die Studie liefert wertvolle Hinweise, wo Hamburg aktuell steht und welchen Weg wir noch vor uns haben. Anfang 2026 sind ungefähr 255 MWp PV-Leistung in Hamburg installiert, und das mit insgesamt über 27.400 PV-Anlagen. Hier sind auch steckerfertige Solaranlagen mit einer Gesamtanzahl von 9.275 Anlagen mit 9.4 MWp mitgerechnet. Der in der PV-Strategie anvisierte Ausbaukorridor ist aus unserer Sicht sehr ambitioniert, hat Hamburg doch aufgrund seiner Gebäudestruktur und der Flächenkonkurrenz besondere Herausforderungen zu meistern. Diese schrecken uns aber nicht ab, sie fordern uns. Eine Anpassung der Ziele sieht die BUKEA aktuell nicht, insbesondere, da die Umsetzung der PV-Strategie noch ganz am Anfang steht. Die ambitionierteren Klimaziele können der PV-Strategie sicherlich Rückenwind geben, andererseits gilt es zu berücksichtigen, dass die Bundespolitik und regulatorische Vorgaben einen erheblichen Einfluss auch auf die Maßnahmen in Hamburg haben."
Constantin Lange: Die PV-Pflicht ist ein wichtiges Element für den PV-Ausbau. Derzeit ist es jedoch so, dass es keine Anzeigepflicht für die geplante Sanierung einer Dachhaut gibt. Insofern ist es auch schwer zu überprüfen, ob die PV-Pflicht (bei Dachsanierung) eingehalten wurde. Soll es hier zukünftig eine Methode geben, um die Einhaltung der PV-Pflicht zu überprüfen?
Astrid Erhardt: "Für Dachsanierungen besteht derzeit keine Anzeigepflicht. Eine solche könnte zwar die Kontrolle und Durchsetzung der bestehenden Pflichten erleichtern, wurde aber bewusst nicht eingeführt, um zusätzlichen bürokratischen Aufwand zu vermeiden. Die Entwicklung der Ausbauzahlen zeigt, dass Photovoltaik in Hamburg nicht nur sehr gefragt, sondern breit akzeptiert ist. Zur Überprüfung nutzen wir bereits vorhandene Daten, etwa aus Bauantragsverfahren, und prüfen zudem weitere Möglichkeiten wie die Auswertung von Luftbildaufnahmen, um erfolgte Dachsanierungen besser erfassen zu können."
Constantin Lange: Was passiert, wenn die PV-Pflicht missachtet/nicht eingehalten wurde?
Astrid Erhardt: "Die PV-Pflicht ist so ausgestaltet, dass es den Einzelfall, also auch technisch unmögliche Situationen, besonders im Bestand berücksichtigt. Aber: Wer die PV-Pflicht jedoch nicht erfüllt oder nur unzureichend umsetzt, muss mit Nachforderungen bis hin zu Bußgeldern rechnen."
Constantin Lange: Oft steht die Unwirtschaftlichkeit einer PV-Anlage der Erfüllung der PV-Pflicht entgegen. Gibt es dazu ein Benchmark-System, ab wann eine PV-Anlage als wirtschaftlich gilt bzw. Unwirtschaftlichkeit anerkannt wird?
Astrid Erhardt: "Das ist eine berechtigte Frage, da es durchaus unterschiedliche Betrachtungsweisen gibt. Die aktuelle Ausgestaltung der PV-Pflicht berücksichtigt das Thema Wirtschaftlichkeit. Mit den gesetzlichen Vorgaben mutet Hamburg den Verpflichteten im Neubau und bei Dachsanierungen zu, eine Anlage zu installieren, soweit sich diese innerhalb von 20 Jahren amortisiert. In den meisten Fällen ergeben sich Lösungen. In den Fällen, in denen plausibel keinerlei Wirtschaftlichkeit nachgewiesen werden kann, entfällt die Pflicht."
Constantin Lange: Wichtig ist auch der PV-Ausbau auf öffentlichen Gebäuden in städtischer Hand. Im aktuellen Hamburger Koalitionsvertrag steht das Ziel, bis 2030 mindestens 80 Prozent der für PV geeigneten Dachflächen auszuschöpfen. Wie ist hier der aktuelle Stand, kann schon ungefähr quantifiziert werden, wie viele Dächer/ wieviel MWp dies umfasst?
Astrid Erhardt: "In der Tat ist es eine komplexe Frage, welche Dächer für Photovoltaikanlagen geeignet sind, da nicht jedes Dach, bzw. nicht jedes Bestandsgebäude die notwendigen Voraussetzungen erfüllt. Aus diesem Grund müssen stets zunächst Machbarkeitsstudien für das jeweilige Gebäude durchgeführt werden, um die Eignung zu prüfen. Das Monitoring der öffentlichen Gebäude ist für die Verwaltung daher ein vorrangiges Thema, das wir bereits angehen und mit den entsprechenden Abfragen begonnen haben. Ende 2026 legt die BUKEA zudem einen Bericht über die Eignung der öffentlichen Gebäude vor."
Constantin Lange: Zuletzt hat die Hamburger CDU kritisiert, dass der PV-Ausbau in Hamburg (auf öffentlichen Gebäuden) zu langsam voranschreitet und dafür geworben, diese PV-Projekte öffentlich auszuschreiben. Wie steht die BUKEA zu diesem Vorschlag?
Astrid Erhardt: "Die Stadt hat sich zunächst auf die Projektierung in enger Partnerschaft mit dem städtischen Unternehmen Hamburger Kommunal Energie (HKE) entschieden und war damit in den vergangenen Jahren sehr erfolgreich. So konnte die Anzahl der PV-Anlagen auf städtischen Gebäuden von 180 im September 2023 auf aktuell 338 Anlagen gesteigert werden. Dies entspricht einer deutlichen Zunahme von fast 90 Prozent innerhalb von nur 27 Monaten. Ergänzend gibt es Überlegungen, wie wir neben dieser Kooperation weitere PV-Anlagen auf den öffentlichen Dächern realisieren können und wie dieses zur Erreichung der Ziele der PV-Strategie beitragen kann. Dazu gehört auch das Konzept der Ausschreibung von Flächen öffentlicher Gebäude zur Installation und Betrieb von PV-Anlagen durch Dritte."
Constantin Lange: Die PV-Strategie benennt auch innovative Bereiche wie Agri-PV, Stellplatz-PV oder Solar-Gründächer. Gibt es im Bereich Agri-PV konkrete Projekte, die in den kommenden Jahren realisiert werden sollen? Gibt es konkrete Projekte für Stellplatz-PV auf öffentlichen Parkplätzen?
Astrid Erhardt: "Ja, die BUKEA sucht aktuell mehrere Pilotprojekte für Agri-PV gemeinsam mit Landwirtinnen und Landwirten. Auch sind Freiflächen-Photovoltaikprojekte in der Prüfung. Ein konkretes Beispiel ist die avisierte Umsetzung einer Agri-PV Pilotanlage im Bereich Zierpflanzenbau, speziell im Unterglasanbau. Auch im Bereich Stellplatz-PV gibt es erste konkrete Vorhaben. So wird derzeit die Machbarkeit für Solaranlagen auf größeren öffentlichen Parkplätzen geprüft, Ziel ist es, zeitnah erste Anlagen auf ausgewählten Parkflächen zu realisieren und so zusätzliche Potenziale für die Solarstromerzeugung in Hamburg zu erschließen. Solargründächer sind bereits Standard auf vielen städtischen Neubauten. Auch im Neubau und nach Dachsanierungen sollen sich Solargründächer zum Standard entwickeln. Wir sind zuversichtlich, dass diese neuen Ansätze den PV-Ausbau in Hamburg weiter voranbringen."
Vielen Dank für das spannende und erkenntnisreiche Interview!