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Klimaanpassung auch ein Sicherheitsthema Interview mit Klimaexperten Frank Böttcher
Im folgenden Gespräch erklärt der Hamburger Klimaexperte Frank Böttcher das Phänomen Hitzeglocke und andere signifikante Veränderungen.
EEHH: In der medialen Berichterstattung zur ersten Hitzewelle Ende Juni war häufig von einer „Hitzeglocke“ die Rede. Was versteht man darunter?
Frank Böttcher: „Das häufigste Hitzeszenario bei uns in Norddeutschland stellt sich folgendermaßen dar: warme Luft aus Nordafrika strömt über Spanien und Frankreich zu uns. Zwei drei Tage steigen die Temperuren durch den Zustrom immer wärmerer Luft über Norddeutschland an. Wir nennen das Warmluftadvektion. Bei einer Hitzeglocke bleibt ein Hochdruckgebiet mit der eingeströmten heißen Luftmasse bei uns ortsfest. D.h. es wird keine neue Warmluft herangeführt. Bei dieser Wetterlage sinkt im Hochdruckgebiet die eingeströmte Luft großflächig ab und wird wie bei einer Luftpumpe zusammengepresst wird. Dabei wird die Luft trockener, der Druck steigt und mit ihm verstärkt sich die Hitze. Diese Wetterlagen sind seltener.“
EEHH: Schon als Laie lässt sich vermuten, dass diese Wetterlage mit dem Klimawandel zusammenhängt. Beobachten Sie außerdem andere außergewöhnliche Wetterlagen bei uns in Norddeutschland?
Frank Böttcher: „Da lässt sich einiges beobachten. Beispielsweise erleben wir viel häufiger Südwestlagen unter Hochdruckeinfluss. Dabei handelt es sich um genau die Advektionswetterlagen, von denen ich eben gesprochen habe. Es strömt also häufiger Warmluft zu uns. Wenn diese Warmluft kommt, ist sie wärmer als noch vor 30 oder 50 Jahren bei ähnlicher Wetterlage. Gerade im Frühjahr kommt es so zu Hochdrucklagen, die länger anhalten und auch längere Trockenheit mit sich bringen, was gerade in der Hauptvegetationsphase für die Landwirtschaft ein Problem darstellt. In Folge dieser gehäuften Trockenphasen im Frühjahr verringern sich Verdunstungsraten, sodass es im Sommer zu weniger Niederschlag kommt. Fast jedem trockenen Hitzesommer ist ein trockenes Frühjahr vorausgegangen. Umgekehrt ist es aber nicht so verlässlich: Nicht jedem trockene Frühjahr folgt auch ein heißer und trockener Sommer.
EEHH: Welche Maßnahmen sollte die Politik jetzt zum Schutz der Bevölkerung ergreifen?
Frank Böttcher: "Schon in diesem Sommer haben wir mehrere Tausend Hitzetote laut RKI in Deutschland zu beklagen. Die Anpassung der Gebäude gilt es zu beschleunigen. Fassaden sollten heller und gern auch begrünt werden. Klimaanlagen werden in vielen Fällen zwingend notwendig sein, in Büros, Schulen, Krankenhäuser und Seniorenresidenzen. Zum Recht auf körperliche Unversehrtheit gehört in einem Altersheim auch, dass es kühle frische Luft zum Schlafen gibt. Das Arbeitsrecht wird sich mit dem Thema Hitzeschutz der Arbeitnehmer*innen noch stärker befassen. Außerdem brauchen wir einen anderen Umgang mit der Grundwasserversorgung und dabei deutlichmehr Rückhaltebecken. Das Wasser aus den Starkregenereignissen kann deutlich besser genutzt werden, als es über die Flüsse in die Weltmeere laufen zu lassen.“
EEHH: Ihrer Meinung nach ist Klimaanpassung auch ein Sicherheitsthema für jede Nation. Wie meinen Sie das?
Frank Böttcher: „Um Ihnen ein Beispiel zu nennen: die Niederlande werden Ende des Jahrhunderts zu 70 Prozent unterhalb des Meeresspiegels liegen. Sie werden nicht nur höhere Deiche als Schutz vor den Wassermassen des Ozeans benötigen, sondern auch gewaltige Pumpen, um Flüsse wie Rhein und Maas auch bei extremen Hochwasserlagen auf die andere Seite der Deiche in die höher liegende Nordsee zu pumpen. Diese Situation macht angreifbar. Eine Stadt wie Riad in Saudi-Arabien könnte keine zwei Tage ohne seine künstliche Wasserversorgung leben und ist also sehr vulnerabel. In Deutschland ist der Aufbau einer dezentralen Energieinfrastruktur längst ein Beitrag zur nationalen Sicherheit. Ein paar Gaskraftwerke sind schnell ausschaltbar, Millionen lokaler Solaranlagen und Energiespeicher sind sicherer.“
Vielen Dank für das spannende Gespräch und Ihre Einblicke!