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Japans langer Atem: eine Stärke für die Energiewende From Hamburg to the World: EEHH-Reise zur Smart Energy Week 2026

Von Städtepartnerschaft, Wirtschaftskooperation bis hin zum Klimaschutz: Hamburg und Japan sind eng miteinander verbunden. Um aktuelle Markttrends kennenzulernen und Geschäftsperspektiven für Mitgliedsunternehmen auszuloten, reiste das EEHH-Cluster, vertreten durch Jingkai Shi und Sibyl Scharrer, im März zur Smart Energy Week nach Tokio. Die Smart Energy Week gilt als eine der größten Messen für erneuerbare Energien und Energietechnologien in der Asien-Pazifik-Region. Unter einem Dach auf dem Messegelände „Tokyo Big Sight“ werden sieben spezialisierte Themenmessen präsentiert, darunter Wind Expo und H2 & FC Expo. Die Messe ist eine große B2B-Plattform, die internationale Unternehmen, Investoren und politische Entscheidungsträger zusammenbringt.

Offshore-Windenergie soll eine tragende Säule der japanischen Energiewende werden. Der Weg wird kein leichter sein. Mitsubishis Rückzug von der ersten Runde sendet ein klares Signal - die Rahmenbedingungen müssen verbessert werden. Als führende Wasserstoffnation sieht sich Japan derzeit mit zurückhaltender Nachfrage konfrontiert. Die Regierung bringt eine Reihe von Fördermaßnahmen auf den Weg, um den Aufbau der gesamten Wertschöpfungskette zu beschleunigen. Der Import von Wasserstoff und die Entwicklung einer internationalen Lieferkette spielen eine besondere Rolle für den Markthochlauf in Japan.

Japans langer Atem: eine Stärke für die Energiewende
Hamburg-Delegation auf H2-Workshop in Tokio, Copyright: EEHH

Offshore-Wind: langsamer Start, Momentum steigt

Der Ausbau der Offshore-Windenergie in Japan befindet sich in einer frühen Phase. Seit 2024 wurden rund 30 Standorte vor der Küste in unterschiedlichen Entwicklungsstufen für den Bau von Offshore-Windparks kategorisiert. Die meisten dieser Flächen liegen im Nordwesten des Landes, z.B. in den Präfekturen Hokkaido und Akita. Zwar ist die Projektpipeline riesig; die bislang installierte Leistung bleibt jedoch überschaubar.

Kurz vor der Smart Energy Week nahm der bislang größte Offshore-Windpark Japans, der 220 MW-Kitakyushu Hibikinada, seinen kommerziellen Betrieb auf. Das Projekt umfasst 25 Turbinen mit jeweils 9,6 MW von Vestas.

Die Ausgestaltung eines marktgerechten Ausschreibungsmechanismus ist für die japanische Regierung eine zentrale Aufgabe, um die Offshore-Windenergie zu fördern. In der ersten Runde der Ausschreibungen kam das Marktprämienmodell (Feed-in-Premium) zur Anwendung. Ein von Mitsubishi geführtes Konsortium gewann 2021 mit einem aggressiven Preisgebot (umgerechnet 0,07-0,10€/kWh) den Zuschlag für drei Projekte, die zusammen eine geplante Leistung von 1,7GW haben sollen.

Aufgrund gestiegener Kosten, der Yen-Schwäche sowie der globalen Lieferkettenproblematik kündigte Mitsubishi im August 2025 jedoch an, die Projekte aufzugeben. Mitsubishis Rückzug stellt einen bitteren Rückschlag für die japanische Offshore-Windindustrie dar, verdeutlicht zugleich, dass in dem aktuell herausfordernden makroökonomischen Umfeld eine stärkere politische Unterstützung erforderlich ist. Klassische Förderdesigns versprechen nicht mehr genügend Ertragssicherheit für kapitalintensive Energieprojekte.

Für die neuen Ausschreibungsrunden plant die japanische Regierung, mit dem Modell „Long-term Dekarbonization Power Supply Auction“ (LTDA) neue Wege zu gehen. Im Fokus steht dabei die Realisierungswahrscheinlichkeit der Projekte. Zentrales Merkmal des LTDA-Modells ist eine Vergütung auf Basis der installierten Kapazität. Erfolgreiche Bieter erhalten über einen Zeitraum von 20 Jahren eine jährliche Leistungsvergütung (JPY/kW/Jahr), die die Baukosten und feste Betriebs- und Wartungskosten abdecken soll.

Gleichzeitig müssen 90% der marktbasierten Einnahmen an den Staat zurückgezahlt werden; das gilt beispielsweise, wenn ein Betreiber Erlöse durch den Abschluss eines PPAs erzielt.  Ob das neue Förderdesign Vertrauen und Wachstum schafft, bleibt abzuwarten. Einzelne europäische Marktakteure zeigten sich aber optimistisch.

Die Ausweitung auf die ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ) könnte ein entscheidender Faktor für den beschleunigten Ausbau der Offshore-Windenergie sein. Dies ermöglicht den Zugang zu Tiefgewässern, erfordert jedoch den Einsatz von Floating-Technologie. Die Hafeninfrastruktur in Japan ist ein kritischer Engpass für die logistischen Vorbereitungen solcher Projekte.

Eine weitere Herausforderung liegt in der Netzanbindung. Im Gegensatz zu Europa fehlt in Japan eine zentral koordinierte Planung für das Offshore-Wind-Übertragungsnetz. Zudem sind die bestehenden Hochspannungsnetze nur begrenzt in der Lage, große Strommengen über weite Distanzen von den Offshore-Windstandorten zu zentralen Nachfragezentren zu transportieren. Projektentwickler müssen den Netzanschluss oft selbst organisieren und die Kosten tragen, was das Investitionsrisiko erheblich erhöht.

EEHH-Kollegin Sibyl Scharrer im Panel über regionale Kooperation v.l.d., Copryight: EEHH

Wasserstoffhochlauf mit vielen Hürden

Japan soll bis 2050 klimaneutral werden. Bereits 2017 stellte das Land als weltweit erstes eine nationale Wasserstoffstrategie vor. Seither wurde sie kontinuierlich weiterentwickelt und 2024 in ein Fördergesetz zum Aufbau einer Wasserstoffgesellschaft überführt. Damit stellt Wasserstoff einen zentralen Baustein der grünen Transformation in Japan dar, das drei Ziele verfolgt: Energiesicherheit, Wirtschaftswachstum und die Reduktion von Treibhausgasen.

Die Nachfrage nach Wasserstoff, insbesondere grünem Wasserstoff, bleibt hinter den Erwartungen zurück und bremst den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft weltweit. Obwohl Japan verstärkt auf „Low-Carbon-Wasserstoff“ setzt, zeigt sich der klimaneutrale Energieträger der Zukunft in der praktischen Anwendung als sehr eingeschränkt wettbewerbsfähig. Hohe Investitions-/Produktionskosten und eine fehlende (flächendeckende) Infrastruktur sind als Hauptgründe zu nennen.

Um Produzenten beim Aufbau einer großskaligen Lieferkette für den Low-Carbon-Wasserstoff und seine Derivate zu unterstützen, bietet die japanische Regierung einen Fördermechanismus, der die Preisdifferenz zwischen Angebot und Nachfrage über einen Zeitraum von 15 Jahren ausgleicht. Förderfähige Unternehmen sind verpflichtet, schwer oder nicht elektrifizierbare Sektoren wie die Stahl- und Chemieindustrie mit Wasserstoff zu versorgen.

Legomodell von Kawasakis Flüssigwasserstoffhafen in Tokio, Copyrigrht: EEHH

Eine weitere gezielte Unterstützung ist das „Hub Development Program“, das auf einen starken Ausbau Wasserstoffnutzung und seiner Derivate abzielt. Staatliche Subventionen sollen die Entwicklung notwendiger Transportketten ermöglichen, von Importterminals über Trailer- oder leitungsgebundenen Transport bis hin zur Versorgung der Endkunden.

Im Unterschied zu Deutschland wird der Wasserstoffanwendung im Mobilitätssektor in Japan eine große Bedeutung beigemessen. Die japanische Regierung fördert die Einführung brennstoffzellengetriebener Nutzfahrzeuge in ausgewählten Regionen. In der ersten Förderphase wurden fünf Regionen einschließlich Tokyo priorisiert.

Sowohl Deutschland als auch Japan stehen vor der Herausforderung einer hohen Abhängigkeit in der Energieversorgung. Der Aufbau einer internationalen und resilienten Lieferkette ist essenziell, um die Versorgungssicherheit für die Dekarbonisierung der Schwerindustrie und weiterer Anwendungsbereiche zu gewährleisten.

Der japanische Mischkonzern Kawasaki Heavy Industries treibt die Entwicklung mit zukunftsweisenden Vorhaben voran. Im Jahr 2020 wurde mit „Suiso Frontier“ das weltweit erste Transportschiff für Flüssigwasserstoff gebaut. Zwei Jahre später absolvierte das Schiff erfolgreich die erste Transportmission zwischen Australien und Japan. (Über das Projekt und die Importanlage im Hafen Kobe berichten wir im Blog)

Aktuell plant Kawasaki den Bau einer größeren und integrierten Importinfrastruktur in der japanischen Hauptstadt. Der Hafen Tokyo bietet hierfür günstige Standortbedingungen, darunter die Verkehrsanbindung zu mehreren Autobahnen und dem Flughafen Haneda, Stromversorgung und Industriegebiete in der Nähe und einen geeigneten Tiefwasserhafen. Kurz nach der Grundsteinlegung Anfang 2026 kündigte Kawasaki an, das weltweit größte Transportschiff für Flüssigwasserstoff mit einer Kapazität von 40.000 m³ zu bauen. Die Auslieferung ist für 2030 vorgesehen. Das Projekt wird mit Mitteln aus dem nationalen Forschungsprogramm „Green Innovation Fund“ gefördert.

Hamburg-Delegation zu Besuch bei FH2R, Copyright: EEHH

Technologieforschung als strategischer Fokus

Zum Abschluss der Reise besuchte das EEHH-Cluster gemeinsam mit Vetreter*innen der Universität Hamburg die Präfektur Fukushima, um den Forschungsaustausch weiter zu vertiefen.

Ein Paradebeispiel ist das „Fukushima Hydrogen Energy Research Field“ (FH2R), eine 10MW-Anlage zur Erzeugung und Erforschung von grünem Wasserstoff. Das Testfeld, ausgestattet mit einem AEL-Elektrolyseur, wurde 2020 eröffnet und produziert mit dem Solarstrom aus den umliegenden Freiflächenanlagen rund 1.200 m³ grünen Wasserstoff pro Stunde. Rechnerisch entspricht dies der Energiemenge, die den monatlichen Stromverbrauch von ca. 150 Haushalten decken oder 560 Brennstoffzellenautos betanken kann. Zum FH2R gehören noch Speicher- und Transportinfrastruktur.

Eine besondere Herausforderung bei der Wasserstofferzeugung aus erneuerbaren Energien ist die schwankende Stromversorgung aufgrund von Wetterbedingungen und anderer Faktoren. FH2R nutzt die Information aus einem Prognosesystem, um die Marktnachfrage nach Wasserstoff vorherzusagen, sowie zusätzliche Daten aus einem Stromnetzsteuersystem, um die Nutzung von Strom aus erneuerbaren Quellen zu optimieren. Ziel ist es, ein hocheffizientes Wasserstoff-Energiemanagement-System zu entwickeln.

Ein Teil des im FH2R erzeugten Wasserstoffs wird in der nahegelegenen Anlage „Namie Green Ammonia Integrated Control System Demonstration Field“ (NAMICS) weiterverwendet. Das von JGC und Asahi Kasei gemeinsam betriebene Projekt wird ebenfalls durch NEDO Green Innovation Fund gefördert. In zwei Phasen bis 2030 sollen Produktion, Speicherung und Transport von grünem Ammoniak im industriellen Maßstab erprobt werden. Auf dem Gelände werden täglich rund 4 Tonnen grünes Ammoniak produziert. Dies kann unter anderem als NOx-Reduktionsmittel im Heizkraftwerk oder als Rohstoff für Düngemittelherstellung eingesetzt werden.

Fazit

Die Reise ermöglichte dem EEHH-Cluster einen umfassenden Einblick in die regulatorischen Rahmenbedingungen, das Marktpotenzial sowie die Kooperationsperspektive mit Hamburg in den Kernthemen der erneuerbaren Energien. Japans Geschäftskultur ist geprägt von „einem langen Atem“, der die strategische Planung und Resilienz widerspiegelt. Eine starke privat-öffentliche Partnerschaft zählt ebenfalls zu den nationalen Stärken des Landes und trägt maßgeblich zur langfristigen Investition und zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit bei.

Die Energiewende ist kein Selbstzweck, sondern ein notwendiger Schritt hin zur Zukunftsfähigkeit und zugleich ein Grundpfeiler wirtschaftlicher Sicherheit. Gerade in Zeiten der geopolitischen Unsicherheiten sind verlässliche Partner von großer Bedeutung. Der enge Austausch mit Japan bietet wertvolle Impulse und eröffnet neue Perspektiven für bilaterale Kooperationen in diesem wichtigen Zukunftsfeld.

Über Jingkai Shi

Profilbild zu: Jingkai Shi

Hamburg ist die Modellregion der Energiewende und deutsche Windhauptstadt mit Verbindungen in die ganze Welt. Die lokale Erneuerbare Energien-Branche ist damit ein zentraler Partner für die internationale Energiewirtschaft. Als Ansprechpartner für internationale Kooperation im Bereich Erneuerbare Energien betreue ich die Beziehung des EEHH-Clusters zu internationalen Branchenetzwerken, unterstütze die EEHH-Mitglieder bei ihren Auslandsaktivitäten und trage mit Social-Media-Aktivitäten zu einer stärkeren Sichtbarkeit und Wahrnehmung von Hamburg auf der Weltbühne bei.

von Jingkai Shi