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Integrierte Projektentwicklung (IPA) als Schlüssel zur Beschleunigung von Erneuerbare-Energien-Projekten? Blogreihe – Neues vom Recht der Erneuerbaren
Dr. Carmen Schneider, Partnerin bei FPS, und Katharina Imfeld, Associate Partner bei FPS, starten die Blogreihe „Neues vom Recht der Erneuerbaren“ mit ihrem Artikel „Integrierte Projektentwicklung (IPA) als Schlüssel zur Beschleunigung von Erneuerbare-Energien-Projekten?“.
Der Ausbau erneuerbarer Energien gilt als eine der zentralen Herausforderungen der kommenden Jahre. Politische Ziele sind formuliert, Technologien verfügbar und Kapital grundsätzlich vorhanden. Doch sind die mit der Energiewende einhergehenden juristischen und strategischen Fragestellungen komplex; kaum ein Sektor unterliegt einer vergleichbaren Dynamik wie der Energiesektor. In unserer Blogreihe widmen wir uns aktuellen Themen rund um die Entwicklung und den Betrieb von Erneuerbare-Energien-Anlagen. In diesem ersten Teil beleuchten wir die Integrierte Projektentwicklung und deren Potenzial für die Energiewirtschaft. Im zweiten Teil gehen wir der Frage nach, welche Pflichten sich für Marktteilnehmer aus der aktuellen Cybersecurity-Gesetzgebung ergeben. Im dritten und letzten Teil blicken wir auf die wichtigsten geplanten Neuerungen im EEG 2027.
Einleitung
Erneuerbare-Energien-Projekte weisen häufig eine Multi-Contracting-Struktur auf; jeder Vertragspartner übernimmt Verantwortung für die von ihm vertraglich zugesagten Leistungen. Das Schnittstellenrisiko liegt grundsätzlich bei dem Anlagenbetreiber. Viele Projekte geraten ins Stocken – häufig weniger wegen technischer Fragen als vielmehr wegen komplexer Planungs- und Genehmigungsprozesse. Auch der Netzanschluss ist vielerorts zu einem Flaschenhals geworden. Genau hier setzt das Konzept der integrierten Projektabwicklung (IPA) an.
Was ist IPA?
Im Kern beschreibt IPA einen Ansatz, bei dem alle wesentlichen Beteiligten eines Projekts – Planer, Ingenieure, Bauunternehmen und juristische Berater – von Beginn an eng zusammenarbeiten. Anders als bei klassischen Projektstrukturen, in denen Planung, Genehmigung und Bau nacheinander erfolgen, setzt IPA auf parallele Abläufe und frühzeitige Abstimmung. Charakteristisch sind ein gemeinsamer Mehrparteienvertrag, geteilte Risiko- und Gewinnstrukturen sowie gemeinsame Entscheidungsgremien. Im englischsprachigen Raum ist das Modell als „Integrated Project Delivery" bekannt und wird insbesondere in den USA und Australien bereits breit eingesetzt – mit überwiegend positiven Erfahrungswerten. Aber auch in Hamburg kommt IPA zum Einsatz, etwa für das Bauprojekt Campus DOK an der Universität.
Vorteile gegenüber klassischen Projektstrukturen
Traditionell verlaufen Projekte linear: Zunächst wird geplant, dann genehmigt und anschließend gebaut und schließlich erfolgt die Inbetriebnahme. Änderungen in einer Phase wirken sich jedoch regelmäßig auf die anderen aus. Wird etwa ein Anlagenlayout aus technischen Gründen angepasst, kann dies neue genehmigungsrechtliche Fragen aufwerfen. Solche Rückkopplungen führen zu zeitaufwendigen Iterationen.
IPA ermöglicht es, genau diese Schleifen zu reduzieren. Zentrale Themen wie Genehmigungsfähigkeit, Umweltverträglichkeit oder baurechtliche Anforderungen werden frühzeitig in die Planung integriert. Konflikte können früher erkannt und Lösungen gemeinsam entwickelt werden. Gleichzeitig werden ausführende Unternehmen bereits in der Planungsphase eingebunden und können die Planung aus Ausführungsperspektive überprüfen. Planungsfehler oder unrealistische Annahmen werden so nicht erst auf der Baustelle sichtbar, sondern in einer Phase, in der Anpassungen noch vergleichsweise einfach möglich sind.
Besondere Relevanz für Erneuerbare-Energien-Projekte
Gerade im Bereich der erneuerbaren Energien ist dieser Ansatz relevant. Windparks oder große Photovoltaikanlagen bewegen sich an der Schnittstelle von Technik, Regulierung und Recht. Ein Beispiel: Die Positionierung von Windenergieanlagen wird häufig zunächst unter technischen Gesichtspunkten optimiert. Gleichzeitig spielen Abstandsregelungen, Artenschutz und kommunale Planungsvorgaben eine entscheidende Rolle. In einem integrierten Modell wird etwa der Artenschutzgutachter bereits in die Standortplanung einbezogen, statt das Gutachten erst nach abgeschlossener Layoutplanung einzuholen. So lassen sich aufwendige Umplanungen oder Verzögerungen im Genehmigungsverfahren vermeiden.
Herausforderungen in der Umsetzung
Allerdings birgt IPA auch Herausforderungen. Die Umsetzung erfordert einen erheblichen initialen Aufwand: Abstimmungsprozesse müssen frühzeitig aufgesetzt, Beteiligte eingebunden und Planungsgrundlagen gemeinsam erarbeitet werden. Da die Zusammenarbeit der Parteien in einem Vertragsmodell mit ausgeprägten gegenseitigen Abhängigkeiten von zentraler Bedeutung ist, wird häufig bereits zu Beginn im Rahmen eines strukturierten Auswahlverfahrens – etwa eines Assessment-Centers – geprüft, inwieweit die potenziellen Vertragspartner fachlich, organisatorisch und in der Zusammenarbeit kompatibel sind. Der erhöhte Ressourceneinsatz zu Beginn wirkt zunächst wie ein Nachteil, zahlt sich jedoch im weiteren Projektverlauf erfahrungsgemäß aus.
Die gemeinsame Risiko- und Gewinnverteilung erfordert klare Regelungen zu Haftung, Vergütung und Streitbeilegung, die sich von klassischen Vertragsmodellen erheblich unterscheiden. Bei kleineren Projekten kann der organisatorische Mehraufwand von IPA den Nutzen übersteigen.
Fazit
Ist IPA also der Schlüssel zur Beschleunigung von Erneuerbare-Energien-Projekten? Sie ist zumindest ein entscheidender Baustein. Die Energiewende ist damit nicht nur eine Frage neuer Technologien oder zusätzlicher Flächen – sie ist auch eine Frage optimierter Prozesse. Hierfür liefert IPA einen vielversprechenden Ansatz.