Details

Erneuerbare Energien: Der Jobmotor der Zukunft? Interview mit Kristina Schneck, Personalleiterin bei der Hamburger Lother GmbH

Eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung spricht von einem Rekordstand von Beschäftigung im Bereich erneuerbare Energien. 2025 arbeiteten 436.000 Personen deutschlandweit in diesem Sektor. Doch die Studie warnt: Die derzeitige Kehrtwende in der Politik gefährdet diesen Trend. Im Interview erklärt, Kristina Schneck von Lother welche Kompetenzen besonders gefragt sind und wie Hamburg als Standort von Erneuerbaren Talente anziehen kann.

Erneuerbare Energien: Der Jobmotor der Zukunft?
Mediaserver Hamburg / Christian Brandes

EEHH: Die Studie der Bertelsmann Stiftung spricht von Rekordwerten bei der Beschäftigung im Bereich der Erneuerbaren. Beobachten Sie diesen Trend ebenfalls in Ihren Recruiting-Prozessen?

Kristina Schneck: Diesen Trend können wir in unseren Recruiting-Prozessen klar bestätigen: Die Nachfrage nach Positionen im Bereich der erneuerbaren Energien verzeichnet einen starken Zuwachs. Ein zentraler Treiber ist nach unserer Erfahrung der Wunsch vieler Bewerber nach einer sinnstiftenden Tätigkeit mit gesellschaftlichem Mehrwert. Auffällig ist für uns zudem, dass sich zunehmend Fachkräfte aus klassischen Industriezweigen gezielt in Richtung der nachhaltigen Energiewirtschaft umorientieren.

 

EEHH: Welche Kompetenzen sind besonders gefragt im Sinne der Transformation von einer fossilen Energieversorgung hin zu Erneuerbaren?

Kristina Schneck: Ich bin davon überzeugt, dass der Schlüssel zum Erfolg in einer Kombination aus Fachwissen und der Fähigkeit aktiv Veränderungen zu gestalten liegt.

Fundiertes Wissen in den drei Kernbereichen Photovoltaik, Wärmepumpen und E-Mobilität sind notwendig, ebenso wie eine Schnittstellenkompetenz, sprich die Systeme nicht isoliert voneinander zu betrachten, sondern gewerkeübergreifend zu denken.

Auf persönlicher Eben muss eine hohe Agilität mitgebracht werden. Da sich Markt und Technologien rasant verändern.

 

EEHH: Laut Studie waren 2025 rund 436.000 Personen im Bereich EE tätig, davon 172.000 Arbeitsplätze in der Windenergie, fast 100.000 Beschäftigte bei PV und etwa 72.000 Beschäftigte in Produktion und Installation von Wärmepumpen. Wie sehen Sie perspektivisch die Entwicklungen der Beschäftigungszahlen in diesen Bereichen auch im Verhältnis zueinander?

Kristina Schneck: Aufgrund langwieriger Planungs- und Genehmigungsprozesse beobachte ich im Bereich der Windenergie oft eine hohe Auftragssicherung für die kommenden Jahre. Das Beschäftigungswachstum schätze ich als moderat ein, wobei der Schwerpunkt für mich verstärkt auf der Qualifizierung im Bereich Service und Wartung liegt. Als dynamischen Wachstumstreiber nehme ich hingegen die Photovoltaik wahr. Die kurzen Installationszeiten im boomenden Solarmarkt sorgen aus meiner Sicht für eine anhaltend hohe Nachfrage nach Montage-Fachkräften. Parallel dazu sehe ich eine Stabilisierung im Segment der Wärmepumpen nach politischen Unsicherheiten, wodurch der Bedarf an SHK-Fachkräften hoch bleibt. Da alle drei Sektoren teilweise um denselben Fachkräftepool konkurrieren, erkenne ich einen verschärften Wettbewerb: Während das Handwerk den Solar- und Wärmesektor dominiert, ist die Windenergie durch industrielle Großprojekte mit Bedarf an hochspezialisierten Kräften geprägt.

Mediaserver Hamburg / Christian Brandes

EEHH: Hamburg bietet eine Vielzahl an Jobmöglichkeiten im Bereich der Erneuerbaren. Laut unserer EEHH-Studie arbeiten über 30.000 Menschen in der Metropolregion HH in diesem Bereich. Welchen spezifischen Wettbewerbsvorteil hat die Metropolregion im Kampf um die besten Köpfe gegenüber anderen deutschen Standorten?

Kristina Schneck: Wir in Hamburg vereinen einen dynamischen Wirtschaftsstandort mit Lebensqualität aus Kultur, Natur und Freizeit. Dank unserer erstklassigen Hochschulen und Forschungsinstitute bringen wir stets junge, hochqualifizierte Talente in die Region. Wir schaffen branchenübergreifende Synergien und eröffnen Fachkräften so zukunftssichere Karrierechancen. Bei uns zählt nicht nur die Theorie: Wir leben echte Praxis, die wir durch vielfältige Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien aktiv vorantreiben.

 

EEHH: Und: Wie kann Hamburg auch zukünftig Talent im Bereich EE anziehen (politische Entscheidungen, Infrastruktur, Wirtschaft)?

Kristina Schneck: Wir können Talente im Bereich der Erneuerbaren Energien langfristig an Hamburg binden, indem wir politische Planungssicherheit mit einer praxisnahen Infrastruktur verknüpfen und die betroffenen Unternehmen aktiv einbinden. Mit dem beschlossenen Klimaentscheid, der die Klimaneutralität unserer Stadt bis 2040 gesetzlich vorschreibt, haben wir eine enorme politische Hebelwirkung geschaffen. Diese müssen wir nun durch gezielte wirtschaftliche Anreize weiter stärken.

Mediaserver Hamburg / DOUBLEVISION

EEHH: Sie wirken aktiv im Hamburger Projekt TALENTready mit. Wie kann das Projekt dabei helfen dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken und die Lücke zwischen verfügbaren Profilen und dem tatsächlichen Bedarf schließen?

Kristina Schneck: Die Energiewende verändert unsere Berufsbilder rasant. Um diese Lücke zu schließen, müssen wir im Projekt auf drei strategischen Ebenen aktiv werden:

  1. Intelligentes Matching: Nutzung von digitalen Tools und KI, um Anforderungsprofile direkt mit den Kompetenzen der Talente abzugleichen. Durch einen vereinfachten Bewerbungsprozess garantieren wir einen hürdenfreien Einstieg.
  2. Gezieltes Upskilling: Durch innovative HR-Toolboxen können wir die Belegschaft fit für nachhaltige Geschäftsfelder machen. Nicht mehr nur auf starre Lebensläufe schauen, sondern auf Potenzial für erlernbare Zukunftskompetenzen fokussieren.
  3. Starke Bindung und Branchenattraktivität: Optimierung des gesamten Mitarbeiter-Lebenszyklus und Unterstützung jedes teilnehmenden Unternehmens gezielt dort, wo es zur Stärkung der Mitarbeiterbindung notwendig ist. Durch clusterübergreifende Zusammenarbeit und digitale Innovationen steigern wir unsere Attraktivität als Arbeitgeber und sichern die langfristige Anziehungskraft der gesamten Branche.
Das clusterübergreifende TalentReady Team

EEHH: Welche konkrete politische Entscheidung oder regulatorische Hürde wirkt momentan als größter Flaschenhals, der Unternehmen davor zurückschrecken lässt, massiv in neues Personal zu investieren?

Kristina Schneck: Ich sehe die politische Planungsunsicherheit durch die EEG-Reform als den größten Flaschenhals auf dem Markt der erneuerbaren Energien, gerade für kleinere und mittlere Unternehmen. Da verlässliche Rahmenbedingungen für die kommenden Jahre fehlen, schrecken diese derzeit vor langfristigen Personalinvestitionen zurück.

 

EEHH: Angesichts des Fachkräftemangels: Wie sieht eine erfolgreiche Strategie aus, um erfahrene Kräfte aus klassischen fossilen Industriezweigen gezielt und schnell für den Sektor der Erneuerbaren zu gewinnen?

Kristina Schneck: Weg vom makellosen „grünen“ Lebenslauf, stattdessen sollten wir auf übertragbare Kompetenzen setzen und Wissenslücken gezielt durch kompakte, praxisnahe Weiterbildungsmodule schließen. Um als Arbeitgeber attraktiv zu sein, gilt es, langfristige Jobsicherheit sowie industrieübliche Gehälter – optional ergänzt durch Prämiensysteme – zu bieten. Zudem erfordert der Markt heute aktives Handeln statt passiven Wartens: Durch Direct-Sourcing, Kooperationen und die Teilnahme an Initiativen wie TALENT Ready gewinnen wir Talente proaktiv.

 

Im Interview

Kristina Schneck ist seit Januar 2025 Personalleiterin bei der Hamburger Lother GmbH. In dieser Funktion verantwortet sie die strategische HR-Ausrichtung sowie die Talent- und HR-Organisationsentwicklung des Energiedienstleisters. Die versierte HR-Expertin verfügt über langjährige Erfahrung im Personalmanagement und war zuvor in verschiedenen Branchen tätig – vom internationalen Einzelhandel bis hin zum Rechts- und Notarwesen. Im aktuellen Interview spricht sie über die Transformation des EE-Arbeitsmarktes und das Potenzial des Hamburger Projekts TALENTready zur digitalen Mitarbeitergewinnung und -bindung.

Über Tim Zeige

Profilbild zu: Tim Zeige

Als Projektleiter Wasserstoffwirtschaft Norddeutsches Reallabor (NRL) & operative Begleitung der Norddeutschen Wasserstoffstrategie (NDWS) unterstütze ich das Team der EEHH vielfältig: (B2B) Kommunikation & Marketing, Redaktionelle Tätigkeiten Events uvm. Besonders treibt es mich an meine Fähigkeiten einzusetzen, um innovativen Technologien wie Wasserstoff eine Bühne zu bieten.

Diesen Beitrag weiterempfehlen
von Tim Zeige