Universität Hamburg

Energienetzausbau unter Spannung

von EEHH Gastautor, 
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Fallstudie über regionale Protestbewegung in Franken

Nachfolgend werden die wichtigsten Ergebnisse einer qualitativen Studie vorgestellt, die sich speziell mit den Protesten gegen geplante Stromautobahnen in Nordbayern und Südhessen befasst hat.

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Seit mehr als 15 Jahren widersetzen sich vielerorts Bürgerinitiativen (BI) dem Ausbau des Energieübertragungsnetzes. Im Unterschied zu vielen klassischen Bürgerprotesten und einem Großteil der übrigen BI, die sich gegen neue Stromleitungen richten, zeichnen sich die Aktivitäten in der fränkischen Region durch einige Besonderheiten aus: Erstens sind diese Proteste besonders intensiv. Ein Großteil der hierzulande gegen Stromleitungsvorhaben aktiven BI befindet sich in der untersuchten Region. Zweitens handelt es sich nicht um die Aktivitäten einzelner Protestakteure die unabhängig voneinander agieren. Vielmehr existiert ein komplexes Netzwerk, das die Proteste in einer großen Region von Fulda über Schweinfurt und Nürnberg bis ins Fichtelgebirge nahe der tschechischen Grenze teils ideell, teils aktiv, mitträgt. Drittens besteht dieses Netzwerk nicht allein aus BI die sich anlässlich der Planung hiesiger Stromleitungen gegründet hatten, sondern auch Akteuren aus Politik, Wissenschaft, regionaler Energiewirtschaft sowie Naturschutzorganisationen.

Maßgebliche Motivation der Proteste sind viertens weniger individuell befürchtete Nachteile (bspw. Gesundheitsrisiken oder Wertverluste von Immobilien), sondern eher eine grundsätzliche Kritik an Projekten wie Südlink und Südostlink. Letztere dienten nicht der Energiewende, sondern deren Umsetzung würde zentralistische Versorgungsstrukturen festigen und außerdem die Interessen der Übertragungsnetzbetreiber befördern, da ihnen die Integration europäischer Elektrizitätsmärkte höhere Umsätze ermöglichen würde. Des Weiteren wird argumentiert, dass die Kosten des Netzausbaus im Kostenvergleich mit der Option „dezentrale Energiewende“ nicht angemessen berücksichtigt und diese Option daher seitens der Bundesregierung nicht angestrebt würde. Schließlich monieren die Gegner der Vorhaben Nachteile für die regionale (Energie)wirtschaft.

Im Rahmen der Studie wurden die Proteste in der fränkischen Region aus dem Blickwinkel unterschiedlicher Theorieansätze der sozialwissenschaftlichen Bewegungsforschung betrachtet. Es zeigten sich deutliche Parallelen zu klassischen sozialen Bewegungen, weshalb die Aktivitäten als Ausdruck einer regional vernetzten Protestbewegung interpretiert werden.

Diese Ergebnisse stehen im Widerspruch zu diversen Akzeptanzstudien, die sich den Stromnetzkonflikten gewidmet haben, jedoch den weiteren Kontext der Proteste zumindest hinsichtlich der fränkischen Region nicht angemessen untersucht und (vermutlich) daher die Protestmotivationen wiederholt auf die Verteidigung lokaler Interessen reduziert haben. Demgegenüber wird eine neue Perspektive auf die Stromnetzproteste - insbesondere hinsichtlich der fränkischen Region – vorgeschlagen: Anstatt die Proteste allein als Hindernis auf dem Weg zur Energiewende anzusehen, sollten deren konstruktive Potenziale zur Kenntnis genommen und wertgeschätzt werden. Ausdruck dessen könnte es sein, die Sektorenkopplung, also etwa die Produktion von Wasserstoff und Erdgas sowie den Betrieb von Wärmepumpen und Elektroheizkesseln durch überschüssige erneuerbare Energien verstärkt zu fördern. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass der Ausbau von Wind- und Photovoltaikanlagen auch in Norddeutschland konsequent weitergeführt wird, anstatt „Netzausbaugebiete“ zu definieren und den Gegnern des Netzausbaus eine Blockade der Energiewende vorzuwerfen.

Autor: Dr. Mario Neukirch, Universität Hamburg, Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Sozialwissenschaften,Soziologie

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