Digitalisierung im Offshore-Bereich

von Astrid Dose, 
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Interview mit Dr. Florian von der Hagen, Lufthansa Industry Solutions

Im Vorfeld der 16. Hamburg Offshore Wind Conference 2019 haben wir unseren Keynote-Speaker Dr. Florian von der Hagen, Geschäftsfeldleiter den Bereich Engineering Solutions der Lufthansa Industry Solutions, interviewt.

Ihre Keynote ist mit “Leaving the shores of classic Operation & Maintanance – Digitizing Offshore Wind Business” überschrieben. Bitte schildern Sie, inwieweit die Offshore Industrie gerade einen digitalen Wandel durchläuft!

Dr. Florian von der Hagen: "Die Windenergie Offshore ist mit ca. 10 Jahren in Deutschland noch eine sehr junge Industrie. In diesem Zeitraum sind in der Fertigung und der Technologie große Entwicklungsfortschritte erzielt worden, so ist von Alpha Ventus bis Borkum Riffgrund 2 die einzelne Turbinenleistung um ca. 60% gestiegen. Mit der Energiewende und der Möglichkeit, Offshore immer größere Anlagen zu stellen, um einen Großteil des Energiebedarfs in Deutschland zu decken, steigt die Anforderung an die „Regelenergie“ von Offshore WEA. WEA werden mit immer mehr Sensorik ausgerüstet, um ihren Zustand zu überwachen. Wichtig hierbei ist nicht nur das Daten sammeln, sondern auch das Bewusstsein, große Datenmengen verarbeiten zu können. In der Luftfahrt ist es state oft the art, dass zahlreiche Sensordaten während eines Fluges ausgewertet werden, um mögliche Schäden noch vor der Landung zu erkennen und bereits zur Landung das passende Ersatzteil samt Reparaturmannschaft parat zu haben.

An diesem Punkt befindet sich die Offshore-Wind-Branche derzeit. WEA müssen vorausschauend gewartet werden, mit der Möglichkeit von autonomen Inspektionen über Drohnen und frühzeitiger Schadensprognose, um Stillstände zu vermeiden und die Betriebszeit zu maximieren."

In welchen Formen wird Künstliche Intelligenz bereits in der Offshore Industrie eingesetzt? Nennen Sie ein paar anschauliche Beispiele.

Dr. Florian von der Hagen: "Künstliche Intelligenz ist ein derzeit sehr populärer Begriff, den es differenziert zu betrachten gilt. Im Detail werden die großen Hersteller ihrer eigenen Interpretation gerecht, indem WEA zum Teil sehr genaue Schadenscodes liefern. Damit erkennt die Leitwarte unmittelbar, welches Team zur Beseitigung an die WEA geschickt werden muss. Künstliche Intelligenz, in diesem Fall das dezidierte Beschreiben eines aktuellen Fehlers an der WEA, ist somit der erste Schritt in die richtige Richtung. Der nächste Level ist aber, über erprobte Algorithmen und Module hinaus maschinelles Lernen zu etablieren, so dass eine WEA nicht erst zum Zeitpunkt des Auftretens eines Problems einen Fehlercode liefert, sondern im Idealfall schon Monate zuvor auf eine Irregularität hinweist.  Nicht zuletzt darf man an diesem Punkt das Übertragungsnetz nicht vergessen. Ohne eine funktionierte und regulierte Leistungsabnahme nutzt die größte WEA nicht ihr Potential aus."

Welche Chancen und Risiken birgt die Digitalisierung für Offshore Ihrer Meinung nach?

Dr. Florian von der Hagen: "Als größtes Risiko sehen wir die IT Security. Wir haben in Gesprächen identifizieren können, dass diesem Thema nur stiefmütterlich Beachtung geschenkt wird. Aus der Luftfahrt sind wir sehr hohe Standards gewohnt, die ein mögliches „Hacken“ der Flugzeuge und somit einer Beeinträchtigung der Flugsicherheit entgegenwirken.

Es gilt hier nicht nur, die einzelne WEA zu betrachten, sondern auch die Systemgrenzen deutlich ausweiten. Von der WEA bis zum Endverbraucher existieren viele Angriffspunkte, die es Hackern nicht nur ermöglichen, unternehmens- und personenbezogene Daten zu beziehen, sondern komplette Versorgungsstrecken lahmzulegen. Man stelle sich nur vor, in einer Zeit der energietechnischen Abhängigkeit von Offshore Wind würden Übergabestationen lahmgelegt, Transformatoren mit falschen Daten gefüttert und zum Versagen gezwungen. Bei Offshore-WEA-Anschlüssen können mehrere dutzend WEA von über 6MW schnell stillstehen und zu sehr hohen Ertragsverlusten führen.

Ein weiteres Risiko, mit gleichzeitig einer der größten Chancen, sehen wir bei der Digitalisierung der Direktvermarktung. Die Digitalisierung von Stromproduktionsprognosen, Strombörsenpreisen und Strombezugszeiten beinhaltet das Potential, ein permanent stabiles Übertragungsnetz zu sichern. Als finale Ausbaustufe sehen wir hier ein „Smart Grid“. Intelligente Regelungen der Offshore-Windenergieanlagen dank Vernetzung aller WEA, Übergabestationen und Verbraucher. Im Zusammenhang mit der stark voranschreitenden Entwicklung im Bereich von Energiespeichern bei „Überproduktion“ stellen digitale Plattformen die Lösung für das digitale Offshore-Zeitalter dar. Ziel ist die Reduktion von Ausfallarbeit bei gleichzeitiger Steigerung der Netzstabilität und somit Versorgungssicherheit."

Eine persönliche Frage: würden Sie künftig in einem Auto fahren, in dem Sie nicht mehr selbst am Steuer sitzen, sondern das von alleine fährt?

Dr. Florian von der Hagen: "Ich habe schon vor vielen Jahren feststellen müssen, dass ein modernes Automatikgetriebe Gänge schneller, weicher und präziser einlegen kann, als ich das mit einer Handschaltung je hinbekommen würde. In den letzten Jahren kamen dann radargestützte Abstandsassistenten und Spurhalteassistenten dazu, die auch ohne meine volle Aufmerksamkeit beeindruckend sanft Geschwindigkeit herausnehmen, um zum Vordermann aufzuschließen bzw. die Fahrspur halten.  Mit Blick auf die unglaublichen Fortschritte, die z.B. Sprachassistenten und Navigation unserer Mobiltelefone in den letzten Jahren gemacht haben, glaube ich, dass wir in Bälde autonom sogar besser fahren, als mancher „analoge“ Verkehrsteilnehmer heute."

https://www.lufthansa-industry-solutions.com/de-de/

Bitte melden Sie sich an für die 16. Hamburg Offshore Wind Conference 2019 unter:
https://www.dnvgl.com/events/16th-hamburg-offshore-wind-conference-127241

Über die Autorin

Profilbild zu: Astrid Dose

Reden, schreiben und organisieren – und das mit viel Spaß! So sehen meine Tage beim EEHH-Cluster aus. Seit 2011 verantworte ich die Öffentlichkeitsarbeit und das Marketing des Hamburger Branchennetzwerkes.

Von Haus aus bin ich Historikerin und Anglistin, mit einem großen Faible für technische Themen.

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