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Die Rolle CCS für die Energiewende: Hamburgs Blick nach Dänemark From Hamburg to the World: CCS-Exkursion nach Dänemark
Im Jahr 2023 wurden rund zwölf Millionen CO2 in Hamburg ausgestoßen. Auf dem Weg zur Klimaneutralität, die durch jüngsten Bürgerentscheid schon 2040 erreicht werden soll, müssen größere Kraftanstrengen unternommen werden, um die Emission der klimaschädlichen Gase zu reduzieren bzw. auszugleichen. Doch komplett vermieden lässt sich dies nicht, insbesondere in den sogenannten hard-to-abate Branchen wie Stahl, Zement, Chemie und Luftfahrt. Hierfür kann die Carbon-Capture-and-Storage-Technologie, kurz CCS, eine wichtige Rolle spielen, um CO2 aus industriellen Abgasen abzuscheiden, abzutransportieren und unterirdisch zu speichern. Dänemark gilt als europäischer Vorreiter in diesem Bereich. Um von den dänischen Erfahrungen zu lernen und Kooperationsperspektiven in der Anwendung der CCS-Technologie zu diskutieren, reiste eine 20-köpfige Wirtschaftsdelegation unter Leitung der Hamburger Energiesenatorin Katharina Fegebank Mitte April 2026 nach Kopenhagen. Auch das EEHH-Cluster war mit dabei, vertreten durch Geschäftsführer Jan Rispens und Sibyl Scharrer, Internationale Kooperation Wasserstoff.
CCS-Technologie als Bestandteil der Klimapolitik
Die ersten Pläne für die Abscheidung von CO2-Emissionen in Dänemark stammen aus den frühen 2000er-Jahren. Damals begannen einige Energieunternehmen, diese Technologie an ihren Kohlekraftwerken zu erproben. Im Jahr 2008 wurde solche Pläne konkreter, vor allem durch die Ankündigung von Vattenfall, das eigene Kohlekraftwerk Nordjyllandsvaerket mit der CCS-Technologie umzurüsten. Aufgrund von Protesten wurde das Vorhaben jedoch ein Jahr später gestoppt.
Erst 2020 konnte ein breiter politischer Konsens zur Anwendung der CCS-Technologie in Dänemark gefunden werden. Das dänische Parlament beschloss 2023 ein staatliches Förderprogramm für CCS mit einem Gesamtbudget von ca. 28,3 Milliarden dänischer Kronen (umgerechnet ca. 4 Milliarden Euro) für den Zeitraum von 2029 bis 2044. Ziel der Förderung ist es, die CO2-Emissionen zu reduzieren bzw. negative Emissionen durch dauerhafte und geologische Speicherung von fossilen, bioeigenem und atmosphärischem CO2 zu erreichen.
Mit der Novelle des Kohlendioxid-Speicherungsgesetztes im November 2025 wurde der Weg für die Abscheidung, den Transport und die dauerhafte Speicherung von CO2 in tiefen geologischen Formationen, insbesondere für sehr energieintensive Industrien, in Deutschland frei gemacht. Bisher ist die Nutzung der Technologie nur zu Forschungszwecken erlaubt. Aus Sicht der Bundesregierung ist der Einsatz der CCS-Technologie notwendig, um die deutschen Klimaziele zu erreichen. Dafür müssen relevante Transport- und Speicherinfrastrukturen bis 2030 aufgebaut werden. Gleichzeitig steht die CCS-Technologie in der Kritik, da sie mögliche Umweltrisiken birgt und mit hohen Investitionskosten verbunden ist. Zudem wird argumentiert, dass sie den Ausbau erneuerbarer Energien verzögern könnte.
Hamburg-Kopenhagen-CCS-Austausch
Im Rahmen der Exkursion traf die Hamburger Delegation mehrere Unternehmen in Dänemark, um mehr über ihre Projekte und Erfahrungen zu lernen. Darüber hinaus wurde ein Roundtable organisiert, bei dem der Aufbau von Rahmenbedingungen für die CCS-Technologie diskutiert wurde.
„Kopenhagen und Hamburg verbindet eine ganze Menge – nicht nur als lebenswerte Metropolen, sondern auch als Städte mit ambitionierten Klimazielen. Dänemark ist bei der Dekarbonisierung und insbesondere beim Umgang mit CCS-Technologie ein Vorreiter in Europa. CCS ist auch für Hamburgs Weg zur Klimaneutralität elementar. Um unsere Industrie zukunftsfähig und klimaneutral aufzustellen, müssen wir von Best-Practice-Beispielen lernen.“ Hamburgs Energiesenatorin Katharina Fegebank.
Der größte dänische Energieversorger Ørsted stellte sein CCS-Projekt in Kalundborg vor. In Kalundborg soll in diesem Jahr weltweit der erste CO2-Hub für Bioenergie in Betrieb gehen. Künftig können jährlich rund 430.000 Tonnen CO2 aus den Blockheizkraftwerken Asnæs in der Region und Avedøre im Großraum Kopenhagen abgeschieden werden. Das CO2 wird per Schiff nach Norwegen transportiert, dort in einer Onshore-Infrastruktur zwischengespeichert und anschließend über eine Unterwasserpipeline in den norwegischen Teil der Nordsee geleitet. Die dänische Energieagentur fördert das Vorhaben über einen Zeitraum von 20 Jahren mit 8,2 Milliarden dänische Krone (umgerechnet ca. 120€ pro Tonne CO2). Mit Microsoft wurde bereits ein Vertrag über die Abnahme von 3,67 Millionen Tonnen zertifizierten CO2-Entnahmen abgeschlossen.
Beim Besuch des CCS-Forschungslabors von Everllence erhielt die Delegation einen spannenden Einblick in die Wirtschaftlichkeitsberechnung entlang der CCS-Wertschöpfungskette. Nach Einschätzung des Unternehmens würden die Kosten für die CO2-Abscheidung mit wachsender Anlagengröße deutlich sinken. Ab einer Abscheidungsmenge von rund 0,3 Millionen CO2 pro Jahr verlangsamt sich der Kostenvorteil, bevor er sich bei etwa 0,5 bis 0,6 Millionen Tonnen CO2 jährlich weitgehend stabilisiert. Da die meisten einzelnen Akteure wie Stadtreinigungen diese Menge nicht erreichen werden, besteht die Herausforderung, geeignete Geschäftsmodelle zur Bündelung kleiner Emissionsquellen (Point Sources) zu entwickeln. Gleichzeitig ist der Staat gefordert, die Transportinfrastruktur bereitzustellen, die allen potenziellen Nutzern diskriminierungsfrei zur Verfügung steht.
Fazit
Seit der Ölkrise der 1970er-Jahre wird die grüne Transformation in Dänemark konsequent vorangetrieben. Die CCS-Technologie ist für Dänemark heute ein Grundpfeiler der Reduktion von Treibhausgasemission, mit dem Ziel, diese bis 2030 um 70% zu senken. Trotz hoher Investitionskosten sehen unterschiedliche Stakeholder darin große Chancen für wirtschaftliches Wachstum. Derzeit sind mehr als 100.000 Menschen in der grünen Wirtschaft beschäftigt. Der jährliche Umsatz beträgt 41 Millionen Euro und entspricht etwa 5,5% des Bruttoinlandsprodukts.
Die dänische Erfahrung zeigt, dass eine enge Public-Private-Partnership entscheidend für den Erfolg der Energiewende ist. Der Staat muss einen verlässlichen politischen und finanziellen Rahmen setzen, um Unternehmen langfristige Plannungssicherheit für die Investition und Innovation zu bieten. Ebenfalls wichtig ist eine proaktive und vertrauensvolle Kommunikation, um Akzeptanz bei der Gesellschaft zu erhöhen.
In Dänemark ist die Mehrheit der Bevölkerung nicht grundsätzlich gegen die CCS-Technologie. Dennoch müssen konkrete Bedenken und Betroffenheit, etwa hinsichtlich der Wertverluste von Immobilien, ernst genommen werden. Gesellschaftliche Akzeptanz geht über Zustimmung oder Ablehnung hinaus: sie beeinflusst maßgeblich das Tempo, die Kosten und die Stabilität der grünen Transformation.