Details

De-Risking-Dividende: Die Energiewende als Versicherung gegen Energie-Preisschocks Warum wir geopolitische Risiken gegen gestaltbare technische Herausforderungen tauschen sollten. Jakob Schlandt (HIC Consulting) im Interview.

Die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen macht unser Stromsystem anfällig für globale Preisschocks. Eine aktuelle Studie von Montel Analytics im Auftrag vom BUND liefert nun einen Gegenentwurf: Ein fiktives Szenario für das Jahr 2030 mit einem Erneuerbaren-Anteil von 80% könnte den Strompreis unter Krisenbedingungen (Maßstab Jahr 2022) im Vergleich zu einem stark fossil ausgerichteten System, wie im Jahr 2011, um rund 64 % senken und das trotz steigender Nachfrage. Besonders beeindruckend: Extreme Preisphasen würden drastisch reduziert. Wir sprechen mit Jakob Schlandt, Head of Policy & Markets bei HIC-Consulting, über die systemische Bedeutung der Energiewende als ökonomischer und sicherheitspolitischer Stabilitätsfaktor.

De-Risking-Dividende: Die Energiewende als Versicherung gegen Energie-Preisschocks
Eine Zukunft mit mehr erneuerbaren Energien| Copyright: Mediaserver Hamburg

Tauschen wir durch die Energiewende ein unkontrollierbares externes Risiko –die Volatilität globaler fossiler Brennstoffmärkte – gegen ein kontrollierbares internes, technisches Risiko ein, nämlich die Bewältigung von Netzstabilität und Speicherbedarf? Und ist dieser ‚Risiko-Tausch‘ am Ende ein echter ökonomischer Gewinn für unser Energiesystem?

Ja, dieser Tausch ist ein Gewinn. Die internationale Stabilität haben wir kaum in der Hand. Wer möchte darauf wetten, dass der übernächste US-Präsident noch bereitwillig Gas liefert, wenn schon der heutige Grönland annektieren wollte? Wer will vom Nahen Osten abhängig bleiben? Die nationalen und bis zu einem gewissen Grad auch die europäischen Risiken sind aus meiner Sicht zumindest deutlich besser gestaltbar. Wir nehmen mit der Abkehr von fossilen Brennstoffen unser wirtschaftliches Schicksal stärker in die eigene Hand und reduzieren Volatilität. Der russische Pipeline-Gaslieferstopp 2022 war ein Verlust an Energiemengen in einer Dimension, die in einem erneuerbareren und resilienteren System praktisch nicht möglich ist.

Allerdings verschiebt sich die Kostenstruktur des Energiesystems dann von Brennstoff zu Kapital. Aus dem Preisrisiko wird damit zumindest teilweise ein Finanzierungs- und Zinsrisiko. Auch der Flächenbedarf ist natürlich Thema – mehr Eigenversorgung ist nicht einfach so zu haben.

Unterm Strich ist dennoch klar: In einer Welt ohne regelbasierte Ordnung bringt die Klimatransformation und letztlich die Elektrifizierung zusätzlich eine massive De-Risking-Dividende. Wir haben jüngst in einer Resilienz-Studie des HIC für den BDEW festgestellt, dass viele Länder gezielt auf erneuerbare Energie setzen, um ihre Risiken zu senken. Und am Rande: Wir sollten uns zwar China nicht als Vorbild nehmen, aber dort hat man die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen früh erkannt und elektrifiziert so konsequent wie sonst kein großes Land. Schon jetzt sieht man, dass China dadurch deutlich weniger von den Preissprüngen durch den Irankrieg betroffen ist.

 

Ein interessantes Detail der Studie ist, dass eine breitere Lieferantenstruktur die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zwar reduziert, aber die Exposition gegenüber globalen Preisschocks nicht völlig aufhebt. Wie “resilient” ist ein System mit hohem EE-Anteil wirklich gegenüber globalen geopolitischen Zerwürfnissen?

Die hohe Abhängigkeit von einem Gaslieferanten war, das dürfte allen inzwischen klar sein, eine große Torheit. Tatsächlich darf man sich aber nicht zu früh zu viel erwarten: Gas setzt in einem EE-dominierten System in deutlich weniger Stunden den Preis, aber eben immer noch in einigen, das zeigt auch die Studie. Hinzu kommt die europäische Marktkopplung: Deutschlands Stromnetz ist verwoben mit Ländern, die teils einen höheren fossilen Anteil haben. Außerdem wird unsere Industrie Gas nicht so schnell durch EE ersetzen können wie die Stromerzeugung.

Allerdings bleibt die Energieversorgung auch dann Risiken ausgesetzt. Die Dunkelflauten und Wetterjahre können wir mit Investitionen in Flexibilität, Netze und Speicher abfedern. Aber damit ist es ja nicht getan: Hybride Angriffe, Klimawandelschäden und Cyberattacken können uns dann immer noch treffen, um nur einige Risiken zu nennen.

Ein EE-basiertes System ist bei Angebotsschocks deutlich robuster und teils sogar völlig unabhängig davon, bietet gegenüber anderen Bedrohungen aber auch Angriffsfläche, weil es digitaler und netzabhängiger ist. Das spricht überhaupt nicht gegen die Energiewende, aber für eine explizite und systematische Planung von Resilienz.

 

Dekarbonisierung führt neben Klimaschutz auch zu einer stabileren Preisgestaltung im Energiesektor | Credit: pixbay/dragondash

Ab welchem Anteil an Erneuerbaren ist das System tatsächlich „immun“ gegen globale, fossile Preisschocks, oder bleibt immer eine Rest-Exposition bestehen, die wir im Systemdesign einkalkulieren müssen?

Das ist im Wesentlichen ein lineares Verhältnis: Je weniger fossile Energiequellen, desto weniger Wirkung von fossilen Preisschocks. Mit folgender Abweichung: Wenn wir fossilen Energiequellen eine kleine, aber entscheidende Position belassen im System – beispielsweise die einzige und vollständige Absicherung gegen Dunkelflauten – dann kann die Schockwirkung natürlich stark überproportional zu ihrem Anteil ausfallen. Aus meiner Sicht lässt sich dieses Risiko aber kontrolliert durch staatliche vorgeschriebene Bevorratung abmildern.

 

Verschiebt Deutschland durch die Energiewende die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen hin zu kritischen Rohstoffen und Technologien? Erhalten wir dadurch energiewirtschaftliche Autonomie oder lediglich andere Verwundbarkeiten?

Die Marktkonzentration bei PV-Wertschöpfung, Batteriezellen und Magneten auf China ist kein Gespenst, sondern Realität und ein erhebliches Problem. Bei Wechselrichtern und anderen Komponenten eines digitalen, erneuerbaren Energiesystems kommt die Frage der Fernsteuerbarkeit hinzu, das ist ein echtes sicherheitspolitisches Thema. Mehr Autonomie und ein funktionierendes, weniger riskantes System kann nicht auf völlige Autarkie zielen, die ist erstens illusorisch und zweitens extrem teuer. Es zielt aber auf Diversifizierung, denkt Recycling mit, sorgt für die Bevorratung kritischer Komponenten und stellt Sicherheitsanforderungen an vernetzte Anlagen.

 

Wenn die Energiewende ökonomisch ein Instrument der Preisstabilität sein kann, warum ist dieses Argument in der aktuellen politischen Debatte noch nicht das dominierende Narrativ?

Aus meiner Sicht ist es das inzwischen. Resilienz und die immensen Kosten und Preisschwankungen durch unsere Importabhängigkeit sind ein Riesenthema in unserer Gesellschaft. Sie stiftet Unfrieden und macht uns zurecht nervös. Das merkt man an den Tankstellen der Republik, aber auch in der Berliner Politik und in den Unternehmen. Etwas salopp: Wir haben doch gemeinsam die Nase voll angesichts von Gaspreisschock, Hormuz-Schock und der starken neuen Gasabhängigkeit von den unberechenbaren USA. Kaum jemand hält das fossile Importsystem in dieser Form für nachhaltig, unabhängig vom Klimaschutz, der übrigens immer noch einer klaren Mehrheit unterstützt wird. Sowohl der emotionale als auch rationale Zugang bei Transformationsthemen ist durch Resilienz aber inzwischen leichter als durch reine Klimaschutzargumente. Das merken wir jeden Tag in unserer Praxis als Beratungsunternehmen.

 

 

Im Interview

Jakob Schlandt leitet bei HIC Consulting den Bereich Policy & Markets sowie den Berliner Standort des Beratungsunternehmens. Er berät Ministerien, Unternehmen und Verbände zu Regulierungs- und Marktfragen sowie zu Energieresilienz und entwickelt Strategien an der Schnittstelle von Politik, Markt und Technologie. Der ehemalige Leiter des Tagesspiegel Background Energie & Klima begleitet seit rund 20 Jahren die deutsche Energie- und Klimapolitik und verfügt über umfassende Erfahrung in regulatorischen und strategischen Fragestellungen.

Über Tim Zeige

Profilbild zu: Tim Zeige

Als Projektleiter Wasserstoffwirtschaft Norddeutsches Reallabor (NRL) & operative Begleitung der Norddeutschen Wasserstoffstrategie (NDWS) unterstütze ich das Team der EEHH vielfältig: (B2B) Kommunikation & Marketing, Redaktionelle Tätigkeiten Events uvm. Besonders treibt es mich an meine Fähigkeiten einzusetzen, um innovativen Technologien wie Wasserstoff eine Bühne zu bieten.

Diesen Beitrag weiterempfehlen
von Tim Zeige