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Artenschutz und Erneuerbare in Einklang bringen Im Interview: ProTecBird

Windkraftgegner bedienen sich einer Vielzahl an Argumenten, um dem Bau neuer Windräder entgegen zu wirken. Neben dem subjektiven Empfinden einer "Verschandelung der Landschaft" werden immer wieder auch diverse (bedrohte) Tierarten als Grundlage für die Ablehnung dieser Technologie herangezogen. Vögel stehen dabei besonders im Fokus der Gegner, die Windkraftanlagen teilweise als "Vogel-Schredder" verunglimpfen. Warum solche Aussagen objektiv nicht tragbar sind und welche technischen Möglichkeiten es inzwischen gibt, um Kollisionen zwischen Vögeln und Rotorblättern zu verhindern, erklärt Hinrich Habeck von ProTecBird  im Interview.  

Artenschutz und Erneuerbare in Einklang bringen
Rotmilan vor Windrädern mit Label. Adobe Stock, ©Manfred Stöver; Montage ProTecBird

EEHH: Windkraftgegner bezeichnen in Debatten Windräder als „Vogel-Schredder“. Dieser Mythos hält sich trotz diverser Studien, die gegenteiliges aussagen, nachhaltig. Wie gefährlich sind Windkraftanlagen für den Vogelbestand?

Dr. Hinrich Habeck: Die größten anthropogenen Todesursachen für Vögel sind Hauskatzen, verglaste Gebäude und Straßen- und Bahnverkehr. Schätzungen vom NABU gehen von jährlich 20-100 Millionen getöteten Vögeln aus, die Hauskatzen zum Opfer gefallen sind, weiteren ca. 100 Millionen Vögeln, die an verglasten Gebäudeflächen sterben, und ca. 70 Millionen Vögeln, die im Straßen- und Bahnverkehr ihren Tod finden. Windenergieanlagen sind hingegen nur für geschätzte 100.000 Kollisionsopfer verantwortlich.

Allerdings sind dies Schätzungen, keine wissenschaftlichen Zahlen. Für Windenergieanlagen könnte man diese Zahlen ermitteln, indem man ein systematisches „Post-Construction Fatality Monitoring“ durchführen würde, also regelmäßig und systematisch die Umgebung von Windenergieanalgen nach toten Vögeln absuchen würde.

 

EEHH: Gibt es bestimmte Vogelgruppen, die besonders von Windrädern gefährdet sind und woran liegt das?

Dr. Hinrich Habeck: Ja, Greifvögel sind besonders gefährdet. Deswegen sind die angegeben 100.000 Kollisionsopfer auch wirklich ernst zu nehmen, weil Greifvögel im Gegensatz zu Buchfinken oder anderen Singvögeln selten sind und unter besonderem Schutz stehen.

Greifvögel gehen auf Jagd und kreisen genau in der Rotorhöhe von Windenergieanlagen (30 – 200 m), die hauptsächlich im offenen Gelände wie Agrarlandschaften aufgebaut werden. Das ist aber auch das Jagdrevier von Greifvögeln wie dem Rotmilan. Auf der Jagd schauen Greifvögel insbesondere nach unten, um die Beute zu sehen, und vernachlässigen den Blick nach vorne, wo die Rotorblätter kreisen. Zudem sind die Augen von (Greif-)vögeln im Vergleich zum Menschen anders angeordnet: Das binokulare frontale Sichtfeld ist nicht so groß und Vögel konzentrieren sich auf die monokulären, zur Seite ausgerichteten Sichtfelder, um Beute zu machen oder um Beutegreifer auszuweichen. Da Vögel über Jahrmillionen davon ausgehen konnten, dass vor ihnen nur freier Luftraum ist, hat die Evolution dazu geführt, dass sie den „Blick nach vorne“ etwas vernachlässigen.

 

EEHH: Auch Artenschützer haben in der Vergangenheit die Verortung von Windparks in der Nähe von Vogelschutzgebieten kritisiert. Wie lassen sich Artenschutz und Energiewende in Einklang bringen?

Dr. Hinrich Habeck: Ich kann die Artenschützer gut verstehen, weil vor allem Greifvögel prädestinierte Kollisionsopfer sind und diese zu Recht unter besonderem Schutz stehen. Für den Rotmilan trägt Deutschland auch eine internationale Verantwortung, weil über 50 % der Gesamtpopulation in Deutschland lebt und sich hier fortpflanzt.

Das Bundesnaturschutzgesetz gibt fachlich anerkannte Schutzmaßnahmen für Windenergieanlagen und Greifvögel vor, um den Einklang zu ermöglichen. Darunter sind vor allem komplette Abschaltungen der Windenergieanlagen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, wenn landwirtschaftliche Tätigkeiten in unmittelbarer Nähe zu Windenergieanlagen vollrichtet werden – z.B. Mahd von Wiesen, Pflügen – oder wenn Vögel balzen oder Jungvögel ausfliegen. Diese kompletten Abschaltungen sind mit bis zu sechs Wochen sehr lang und die Energieertragsverluste für Windparkbetreiber sehr schmerzlich.

Eine weitere fachlich anerkannte Schutzmaßnahme sind Antikollisionssysteme, die wir entwickeln und herstellen. Und es wird Sie sicher nicht verwundern, dass wir der Überzeugung sind, dass diese den Einklang von Energiewende und Artenschutz wirklich herstellen.

 

 

Kamera eines AVES Wind® Antikollisionssystems an einer Windenergieanlage, © Björn Hake

EEHH: Eine Idee, um den Vogelschlag (Tod des Vogels durch Kollision) bei Windrädern zu verringern ist die Einfärbung (schwarz) eines Rotorblattes. So würden Vögel die einzelnen Rotorblätter wahrnehmen anstatt einer weißen Scheibe. Wie bewerten Sie diese Maßnahme?
Quelle: https://group.vattenfall.com/de/newsroom/news/2022/schwarze-rotorblatter-reduzieren-vogelkollisionen

Dr. Hinrich Habeck: Die Idee ist sehr gut, wenn sie denn auch zuverlässig funktionieren würde. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse von 2003, dass die Färbung von Rotorblättern dem „motion smear“ – vielleicht am besten übersetzt mit „Bewegungsunschärfe“ – entgegenwirkt und Vögel Rotorblätter dadurch besser erkennen und ausweichen können, ist 2013 erstmals in die Realität und Austestung überführt worden: Auf der norwegischen Insel Smola hat man einzelne Rotorblätter von vier Windenergieanlage schwarz angemalt und danach drei Jahre Fatalitätsmonitoring durchgeführt. Ergebnis: die Verluste durch Kollisionen sind um über 70 % bei den behandelten Windenergieanlagen zurückgegangen.

Dadurch angespornt hatte man das gleiche Experiment von 2022–2024 in einem Windpark in Eemshaven, Niederlande, wiederholt. Ergebnis diesmal: kein Unterschied zwischen den behandelten und unbehandelten Windenergieanlagen.

Wenn solchen „einfachen“ Maßnahmen tatsächlich funktionieren würden, wären wir wie alle begeistert! Aber offensichtlich sind noch weitere wissenschaftliche Studien notwendig, um zu beweisen, dass es funktioniert.

 

EEHH: Eine dynamischere Lösung ist ein AKS (Antikollisionssystemen). Können Sie die Funktionsweise darlegen?

Dr. Hinrich Habeck: Antikollisionssysteme errichten einen optischen Schutzraum um Windparks, erkennen automatisch Vögel beim Eintreten in diesen Schutzraum und verfolgen diese. Wenn ein Vogel dem Rotorbereich einer Windenergieanlage nahekommt, wird ein Signal an diese Windenergieanlage versandt und diese in den „Trudelmodus“ versetzt, d.h. die Umlaufgeschwindigkeit wird von 10 Umdrehungen pro Minute reduziert auf max. 2,5 Umdrehungen pro Minute. Diese Reduzierung reicht aus, dass der Vogel die Rotorblätter als Hindernis erkennt und ihnen ausweichen kann. Wenn der Vogel den Gefahrenbereich verlässt, erfolgt ein weiteres Signal und die Windenergieanlagen nimmt ihren Betrieb wieder auf.

Antikollisionssysteme schalten also Windenergieanlagen nur anlassbezogen ab, wenn geschützte Vögel sich dem Gefahrenbereich extrem annähern.

 

EEHH: Was ist die Besonderheit am AKS von ProTecBird und wie kann das Unternehmen dabei unterstützen, Vorbehalte gegen Windkraftanlagen (WEA) zu beseitigen und gleichzeitig nachhaltigen Artenschutz sicherzustellen?

Dr. Hinrich Habeck: Unser AKS erkennt Vögel artspezifisch mit einer Genauigkeit von über 95 Prozent und entscheidet extrem zuverlässig, ob es sich bei dem Vogel um eine geschützte Vogelart handelt (= Abschalten der WEA) oder nicht. Verantwortlich hierfür ist eine eigens entwickelte KI-Software. Diese Entscheidung ist für den Windparkbetreiber sehr wichtig, weil unser AKS dafür sorgt, dieStromproduktion nur für geschützte Vogelarten anlassbezogen zu unterbrechen.
Wir nutzen für die Installation die Infrastruktur vor Ort und befestigen unsere Kameras mit Magneten an den Stahltürmen. Zudem bringen wir die dazugehörigen Schaltschränke, in deen auch die PCs mit der KI-Software untergebracht sind, im Turminneren der WEAs auch mit Magneten an. Wichtig zu erwähnen ist, dass wir einen Rundum-Service anbieten: Entwicklung, Produktion, Beratung, Installation und Service – alles aus einer Hand.

Das Unternehmen ist vor viereinhalb Jahren gegründet worden und wir haben vor gut zwei Jahren begonnen, unser System an dem Markt anzubieten. Um so überraschter sind wir über die guten Zahlen: Über 200 Systeme sind schon installiert und in Betrieb genommen und für weitere über 300 Systeme haben wir bereits Verträge abgeschlossen.
Wir sind überzeugt, dass unsere Systeme den naturverträglichen Ausbau von Windenergie und den Artenschutz in Einklang bringen. Dafür machen wir Werbung – u.a. auch auf der Messe WindEnergy Hamburg. Vielleicht sehen wir uns ja dort!

EEHH: Vielen Dank für das aufschlussreiche Interview!

Im Interview: Dr. Hinrich Habeck

Dr. Hinrich Habeck, gebürtiger Lübecker, studierte in Freiburg im Breisgau und in Tübingen Biologie und Philosophie und promovierte über ein entwicklungsbiologisches Thema. Von 1998 bis 2004 arbeitete er in der Forschungsabteilung des Biotech-Unternehmens Exelixis. Anschließend wechselte er als Produktmanager zu Greiner BioOne, wo er für die Entwicklung und Vermarktung diagnostischer Microarrays verantwortlich war. Von 2006 bis 2012 war Habeck für die IP Asset Management Agentur Ascenion in Hamburg tätig. Er wechselte 2012 als Geschäftsführer zur Life Science Nord Management GmbH, der Clusteragentur für Life Science in Hamburg und Schleswig-Holstein. Von 2022 bis Oktober 2025 war Dr. Habeck Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung und Technologietransfer Schleswig-Holstein GmbH (WTSH), bevor er bei ProTecBird als Leiter der strategischen Geschäftsentwicklung begann.

Über Tim Zeige

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Als Projektleiter Wasserstoffwirtschaft Norddeutsches Reallabor (NRL) & operative Begleitung der Norddeutschen Wasserstoffstrategie (NDWS) unterstütze ich das Team der EEHH vielfältig: (B2B) Kommunikation & Marketing, Redaktionelle Tätigkeiten Events uvm. Besonders treibt es mich an meine Fähigkeiten einzusetzen, um innovativen Technologien wie Wasserstoff eine Bühne zu bieten.

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von Tim Zeige